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Tschechien OnlineTschechien Online | Rubrik: Musik | 24.3.2006
Lou Reeds Sound presst die Zuschauer zunächst in die Sessel - doch am Ende pressen die Zuschauer gegen die Bühne

Prag/Berlin - Das Kongresszentrum Prag ist ein zeitloser imposanter Bau im Prager Moloch Pankrác, mit einem Konzertsaal imposanten Ausmaßes und einer wohl noch imposanteren Akustik. Ein Ort also, der einem Gastspiel Lou Reeds gerade gerecht wird, sofern er ihm gerecht wird. Wer am vergangenen Freitag vor Ort war, konnte dieses entscheiden.

Zum leidenschaftslos abrupten Beginn der Show wird das insgesamt erstaunlich junge Konzertpublikum vom Opener "Paranoia Key of E" quasi wie beim Start eines Jumbojets schier in die großen, weichen postsozialistischen Sessel gedrückt.

Reeds kreischende und Mike Rathkes hämmernde Gitarren füllen den Saal vom ersten Augenblick an bis in den letzten Winkel aus, zusammen mit der Wucht des Schlagzeugs von Big Tony 'Thunder' Smiths und z w e i Bassisten - nämlich Fernando Saunders und Rob Wasserman, durchschnitten von Lou Reeds glasklarem typischen Singsang. Unglaublich!

Es folgen "Sword of Damocles" und "My House" harmonische, typisch auf dem schmalen Grad zwischen Genialität und Banalität arrangierte Lou-Reed-Nummern. Dass es sich bei diesen ersten drei Songs um die jeweiligen Opener der Alben von 1981 (The Blue Mask), 1992 (Magic and Loss) und 2000 (Ecstasy) handelt umfasst die bis heute fünfundzwanzig Jahre, die in den 2000ern den Schwerpunkt eines Lou Reed-Konzertes ausmachen. Und das ist nicht nur gut so, sondern besser denn je.

Live-Repertoire seit der Jahrtausendwende umfasst fast "nur" noch das letzte Vierteljahrhundert

Vorbei die Zeiten eines lust-, inspirations- und textlosen Lou Reeds, der live kaum mehr tat als Publikum, eigene Band und alle nicht gerade brandneuen Songs allein für ihre Existenz zu verachten. Der Position auf der nach unten offenen Stimmungsskala schienen bei Reed keine Grenzen gesetzt; entsprechend die Qualität der live vorgetragenen Versionen.

Das Konzert bewegt sich weiter in diesen drei Dekaden. "Tell it to your Heart" - schön!, "The day John Kennedy Died" - schön und aus gutem Grunde furchtbar traurig!, "Gassed and Stoked" , fulminant groovend.

Schließlich explodiert die Band - und somit auch fast der Saal - in einem wohl fast fünfzehnminütigen Funk-Inferno namens "My Red Joystick" vom recht unbekannten und unterbewerteten Album New Sensations-Album von 1984. Lou Reed zuckt mittlerweile auf der Bühne.

Einen kurzen morbiden Trip lang streifen wir die Siebziger mit dem konzertanten "Street Hassle", bei dem uns allerdings die Schlusspassage vorenthalten, beziehungsweise stark verkürzt wird. Macht aber nichts!

Eingebettet in all dieses taucht später "Rock Minuet" den großen Saal des Kongresszentrums in die abgrundtiefe, niemals zu ergründende Schattenwelt von Lou Reeds Solo-Gitarre, über der er sich mittlerweile zuckend krümmt, begleitet von einem Drummer der in dieser Form durch seine zurückhaltende, aber prägende Percussion selten so beeindruckt hat.

Nur Unverbesserliche wünschen sich jetzt Velvet - und kriegen "Sweet Jane"

Tatsächlich wünscht sich, bis auf die Unverbesserlichen, niemand an so einem Abend Velvet Underground-Songs oder Solo-Songs aus den frühen Siebzigern. Wie diese heute funktionieren, hat Reed uns bereits auf der 2004er Live-Doppel-CD Animal Serenade (man denke nur an Anthonys "Perfect Day" und Jane Scarpatoni bei "Venus in Furs") eindringlich gezeigt.

Und weil alle Beteiligten mit dieser Situation so glücklich sind, gibt es dann wider Erwarten und erfüllt von einem kurzen Augenblick der Angst, dass eventuell doch noch etwas kaputt gehen könnte, als Zugaben kurzweilig rockende Versionen von "Sweet Jane" und - Achtung: "Walk on the Wild Side".

Entgegen üblicher Abgänge spricht Lou Reed das aus den Sitzen in Richtung Bühne drängende Publikum freundlich an, bedankt sich für das Hier-Spielen-Dürfen und schenkt uns noch "Dirty Boulevard". Danach schreitet er so gockelhaft von der Bühne, dass man entweder an unsägliche Gelenkschmerzen oder an unübertroffene Arroganz denkt. Wünschen und gönnen wir ihm das Zweite.

Das Kongresszentrum Prag und Lou Reed haben sich gegenseitig wohl verdient.
Quid pro quo. Und wir waren dabei. (chb)

Themen: Lou Reed, Konzertkritik
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