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| | Reise | 17.1.2010

Karlovy Vary - wo sich Pelzmäntel für Wasser bücken

Karlsbad ist irgendwie anders. Irgendwie surreal. Geradezu ausgestorben wirkte die Stadt als ich mich am vergangenen Montag mit zwei Freundinnen dorthin aufmachte. Vielleicht verbringen die Schönen, nun gut, die Reichen einen verschneiten Januartag lieber bei Massagen und Duftbädern drinnen als draußen in der klirrenden Kälte. Das nehme ich ihnen nicht übel. Was hat es auf sich mit dieser Stadt, in der wohl genährte Menschen in Pelzmänteln aus kleinen Plastikbehältern rostig schmeckendes Wasser trinken?

Einen Bahnhof mittlerer Größe hatte ich erwartet, dessen gusseisener Glanz betörend sein würde. Die Realität: nicht so. Wir schlittern den vereisten Fußweg in die Innenstadt hinab. Die Straßen, durch die wir ziehen, sind so gut wie leer. Es ist auch einfach kalt und matschig. Die wenigen, die uns begegnen, trotzen der Kälte mit Pelzmänteln. Sie verstehen all die Schilder mit kyrillischen Buchstaben. Die Stadt an sich ist wunderschön, ein architektonischer Augenschmaus. Ganz viel Schnörkel, ganz viel Farbe, viele kleine Fenster, kleine Balkönchen, Malereien.

Unser Mittagessen gönnen wir uns in einem edlen, aber durchaus bezahlbaren Restaurant. Es ist Teil eines der Bäder, für die diese Stadt bekannt ist. Wir erspähen ein paar Blicke in die kleinen Wohlfühlkabinen, in denen es nach einmassiertem Duftöl riecht. Der Charme alter Zeiten hat etwas sehr Schönes und Beruhigendes. Jedoch sollte das Ganze - in der Vorstellung meines superreichen Karlsbader Mikrokosmoses - dem neuesten Stand der Wellnesstechnik entsprechen. Gesättigt erkundigen wir uns über die Möglichkeit, ein Bad zu nehmen. Wenn wir schon mal hier sind. Nach weiteren zwei Stunden im Schneematsch da draußen, wird dies genau das Richtige sein.

Immer wieder dampft es aus kleinen Brunnen heraus. Große Männer trinken aus Plastikbechern, die für Kinder gemacht sind, das schewefelhaltige Wässerchen. Ich halte meine Nase hin, rümpfe sie und entscheide mich gegen eine Kostprobe. Von einem Kaffee erhoffe ich mir größere Wirkung. Während wir auf unser Heißgetränk warten, küren wir das geschmackloseste Teil der Weihnachtsdekoration. Unsere Vorfreude auf den Badespaß steigt. Wir lächeln in die Kameras Mundschutz tragender Asiaten, die das dekorierte Fenster festhalten, wählen den wattierten Weihnachtsbaum zum Gewinner und waten ein zaplatime prosím später in Richtung Bad.

Therme war schon aufregender. Und wärmer. Zum Glück gibt’s ‘ne Sauna. Wir schlittern zurück in Richtung Bahnhof. 25 Minuten Verspätung. Immerhin kommt der Zug überhaupt. In der Bummelbahn nach Prag denke ich mir, dass ich mich auf die vielseitige Hauptstadt freue, ich irgendwann an einem lauen Sommertag einen weiteren Besuch in Karlovy Vary wagen werde und Pelzmäntel allein nicht glücklich machen.

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