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| | Kultur | 8.2.2010

Märchenstunde in Háje

Es gongt. Wir sind spät dran. Es ist Freitag kurz vor acht. Zusammen mit Renata bahne ich mir meinen Weg durch die Korridore einer Schule in Háje. Vorbei an kleinen und großen Kindern mit riesigen Schulranzen. Renata ist meine Dolmetscherin für die nächsten zwei Stunden. Im Rahmen des Projekts Europa macht Schule halte ich heute zwei Unterrichtseinheiten bei Erstklässlern. Über die Märchen der Gebrüder Grimm. Ich bin ein wenig aufgeregt. Sehr aufgeregt.

Was für Märchen kennt ihr denn, lautet meine erste Frage. Eine Hand, die zu einem kleinen Blondschopf gehört, schnellt nach oben. Asterix und Obelix! Grandioser Einstieg. Ich stottere etwas von ähm und nicht ganz und denkt an was mit Hexen und Prinzen. Sie sind auf die Spur gekommen. Fingerschnipsen im hinteren Teil des Klassenzimmers. Rotkäppchen! Super! Jetzt sprudeln die Märchentitel nur so heraus. Dornröschen! Froschkönig! Irgendwas mit Larifari. Ein tschechisches Märchen, das ich unbedingt lesen möchte.

Dann zeige ich auf eine Karte. Tschechien und Deutschland sind darauf zu sehen. Ich deute auf einen roten Punkt. Hanau. Da kommen die Gebrüder Grimm her. Um die geht es heute. Irgendwo müssen all die Märchen ja her kommen. Und so erzähle ich den Erstklässlern kurz und knapp von den Brüdern Wilhelm und Jacob, die viele alte Geschichten lasen und den Menschen in ihrer Stadt beim Erzählen sehr gut zuhörten, um dann ihre Märchen aufzuschreiben. Die Gebrüder Grimm sind auch deshalb von Bedeutung, weil sie ein großes und wichtiges Wörterbuch schrieben. Doch das ist eine andere Geschichte.

Ich lese den Kindern Das Rotkäppchen auf deutsch vor. Renata anschließend die tschechische Übersetzung. Es scheint eine gute zu sein, die ich da gestern Nacht noch schnell ausdruckte. Glück gehabt. An der Stelle mit den großen Augen werden auch die Kinderaugen riesengroß. Am beeindruckendsten finden die Kleinen als dem Wolf der Bauch aufgeschnitten wird. Dass die Großmutter und das Rotkäppchen beide wohl auf sind, steht außer Frage. In vier Gruppen, zweimal Wolf, einmal Märchenwald, einmal Rotkäppchen wird jetzt geschnibbelt, gemalt, gekichert und gestritten. Besonders gut gefällt mir der Märchenwald. Ich frage einen Jungen, ob dies das Haus der Großmutter sei. Manche der Kleinen sprechen deutsch. Er nicht. Völlig verwirrt flüstert er seinen Freunden zu: Co říká? Schulterzucken ihrerseits. Vor meinem inneren Auge spule ich angestrengt meine Deklinationstabelle ab. Je dum babičky? Er nickt.

Vier kleine Mädchen in pink sind damit beschäftigt, minuziös die Karos auf Rotkäppchens Schürze auszumalen. Bei den Wolfgruppen geht es brutaler zu. Die Raubtiere fletschen ihre Blut verschmierten Zähne. Lächelnd liegen in einem der Wolfsbäuche das Rotkäppchen und seine Großmutter. So schlecht geht es den beiden dort gar nicht. Den Pausendong haben wir alle überhört. Bereits die zweite Schulstunde neigt sich ihrem Ende zu. Die Bilder sind so gut wie fertig. Wir hängen sie an der Klassenzimmertür auf. Während die Kleinen ihre Pausenbrote auspacken und die ersten bereits hungrig in  Wurstbrote beißen, bedanke ich mich für die schönen zwei Stunden, die tolle Mitarbeit und wünsche alles Gute. Tschüüüß, winken Renata und ich. Die Jacke schon angezogen, bereit zu gehen, kommt ein Mädchen auf mich zu, überreicht mir ein Blatt Papier und sagt: für dich. Sie hat mir einen blauen Schneemann gemalt. Ich werde rot. Gerührt trete ich den Heimweg an.

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