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Der Autor

Peter Pragal wurde 1939 in Breslau (heute Wrocław, Polen) geboren. Nach Flucht und Vertreibung kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er das Abitur machte und nach dem Studium der Publizistik, Neueren Geschichte und Politik auch die Journalistenschule in München besuchte.

Als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung war er für die Berichterstattung aus der DDR, Bulgarien, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn zuständig. Pragal war außerdem leitender Redakteur bei der Berliner Zeitung. Seit 2004 arbeitet er als freier Journalist und Publizist in Berlin.

Basierend auf persönlichen und professionellen Erfahrungen hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem "Der geduldete Klassenfeind - Als Westkorrespondent in der DDR" und "Wir sehen uns wieder mein Schlesierland - Auf der Suche nach Heimat".

Im Internet: www.prager-literaturhaus.comwww.prager-literaturhaus.com
| | Leute | 15.4.2015

Ein Schriftsteller als Zeitzeuge - Besuch bei Pavel Kohout

Pragals Prager Tagebuch (9)

Das Haus am Masaryk-Kai, schräg gegenüber der Galerie „Manes“, gehört zu jenen Gebäuden, in denen sich der Wohlstand des Prager Großbürgertums um die Jahrhundertwende spiegelt. Hier wohnt der Schriftsteller und Dramatiker Pavel Kohout. Den sechsgeschossigen Bau im Stil der Neogotik findet er zwar etwas protzig, aber auf seine Wohnung ist er stolz. Sie liegt auf mehreren Etagen: in der zweiten die eigentlichen Wohnräume, hoch oben als Maisonette das Gäste- und sein Arbeitszimmer.

Einst, als er auf dem Prager Hradschin wohnte, hat er von der Burg auf die Stadt geblickt. Wenn er jetzt an seinem Schreibtisch sitzt - rechts Papiere und Manuskripte, links der Computer - schaut er über die Moldau hinweg auf die Burg-Paläste und den Dom. Seine Frau Jelena führt die Besucher über Stiegen und eine Terrasse auf eine stählerne Aussichtsplattform. Kohouts haben sie auf eigene Kosten bauen lassen. Die Rundum-Aussicht über die Dächer der Goldenen Stadt ist hinreißend. „Einfach fantastisch“, entfährt es dem Besucher.

In seiner Dichteretage, deren hohe Wände mit Bücherregalen bedeckt sind, kredenzt der Gastgeber seinem Nachbarn Frantisek Cerny und mir Wein von seinem österreichischen Lieblingswinzer. Von Montag bis Donnerstag, scherzt Kohout, enthalte er sich strikt jeglichem Alkohol. Aber heute sei Freitag, und an diesem und den Wochenendtagen gönne er sich einen guten Tropfen.

Wir reden über seine Arbeit. Als Schriftsteller habe er sich doch immer wieder zeitgeschichtlichen Themen gewidmet, sage ich. Ob es ihn nie gereizt habe, selbst in die Politik oder in die Diplomatie zu gehen wie zum Beispiel sein verstorbener Kollege Vaclav Havel oder der langjährige Botschafter Jiri Grusa. An Angeboten habe es nicht gefehlt, erwidert er. Als ihn Havel als Präsident gefragt habe, ob er sich vorstellen könnte, Kulturminister zu werden, lautete seine Antwort: „Willst du wirklich erleben, dass unter dem Balkon des Ministeriums meine Leser stehen und mir meine Verse aus der kommunistischen Zeit vorlesen?“ Kohout macht eine Pause. „Nein“, sagt er entschieden, „ein politisches Amt wäre mit meiner Vergangenheit nicht kompatibel.“

Kohout, der inzwischen 86 Jahre alt ist, steht zu seinen politischen Irrtümern. Er wird nicht müde zu erklären, wie es dazu gekommen ist, dass er als junger Mann Stalin bewunderte, an den Sozialismus glaubte, Funktionär im kommunistischen Jugendverband wurde und ein Leben als privilegierter und gefeierter Autor führte. Er zählt die Gründe auf: Das Versagen des Kapitalismus während der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre, die seinen Vater in mehrjährige Arbeitslosigkeit stürzte. Das Münchner Abkommen als - wie er es nennt - „größtes Versagen der westlichen Demokratien“. Und schließlich die Befreiung von der Nazi-Herrschaft durch die Rote Armee. Kohout ist nicht der Einzige, der nach 1945 glaubte, dass der Kommunismus sein Land vor weiteren Tragödien bewahren würde.

Als Kohout merkt, dass das sowjetische Modell in die Stagnation und in die Irre führt, wird er einer der führenden Köpfe der intellektuellen Protest-Bewegung des „Prager Frühlings“ und Mitautor der Charta 77. Es war ein Reformversuch, den - wie er sagt - im Jahr 1968 „neunzig Prozent der Bürger der CSSR mittrugen.“ Aber dann schickt Moskau in der Nacht zum 21. August die Panzer und der Traum vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ist geplatzt. Es folgen der Parteiausschluss, die Ausbürgerung und der Zwang zum Exil in Österreich, dessen Staatsbürgerschaft er neben seiner ursprünglichen bis heute besitzt.

Nach der erfolgreichen samtenen Revolution kehrt er in seine Geburtsstadt zurück. Deutlicher als früher wird ihm klar, welche Langzeitwirkungen die Nazi-Herrschaft und die Ausweisung der deutschen Mitbürger auf das kulturelle Leben in Prag haben. „Die Stadt hat zwei Elemente verloren“, sagt er, „das waren die Deutschen und die Juden.“ Die Juden seien nicht mehr zurück zu holen. Aber ihre Kultur sei geblieben. „Und die deutsche Kultur versuchen wir, wieder zurück ins Land zu holen.“ Etwa durch das Prager Kulturhaus deutschsprachiger Autoren in Böhmen, Mähren und Schlesien, gegründet von Lenka Reinerova und Frantisek Cerny, sowie das deutschsprachige Theaterfestival, für das er sich er von Beginn an engagiert. Von den zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen, die Kohout erhalten hat, ist ihm der Kulturpreis für die deutsch-tschechische Verständigung, den er im vorigen Jahr erhalten hat, besonders wichtig.

Seit seinem Bruch mit dem realen Sozialismus, den er in einem schmerzhaften Prozess als Irrlehre erkennt, hat sich Kohout in seinem umfangreichen literarischen Werk darauf konzentriert, das Erlebte zu verarbeiten. Zum Romanschreiber sei er aus dem Bedürfnis heraus geworden, „Zeugnis abzulegen“, bekennt er in seiner Autobiographie „Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel“, die er mir bei unseren Besuch schenkt. Kohout ist nicht nur national und international erfolgreich, er ist auch unglaublich produktiv. Rund 30 Bühnenstücke hat er verfasst sowie zahlreiche Romane und Drehbücher.

Manche Bühnenwerke hat er in ungewöhnlich kurzer Zeit geschrieben. Etwa sein Theaterstück über den böhmischen Sänger Schauspieler, Kabarettisten und Regisseur Karel Hasler. Dessen patriotische Lieder, die bis heute populär sind, brachten ihn während der Okkupationszeit in die Fänge der Gestapo. Im Dezember 1942 starb er an den Folgen von Misshandlungen im Konzentrationslager Mauthausen. Als der Intendant des Theaters auf den Weinbergen Kohout fragt, ob er ein Stück über Hasler schreiben möchte, stimmt dieser spontan zu.

In dem Moment habe er sich an ein Promenadenkonzert erinnert, das er 1942 in einer nordböhmischen Stadt hörte, erzählt Kohout. Als ein Lied von Hasler gespielt worden sei, hätten die männlichen Zuhörer mit einer Geste von Respekt ihren Hut gezogen. Kohout macht sich mit dem Leben von Hasler vertraut und verfasst das Stück in nur 17 Tagen. Die Schnellarbeit wird ein großer Erfolg. „Eine wunderbare Inszenierung“, nennt sie der Autor. Sie wurde mehr als 50 Mal aufgeführt, steht noch immer auf dem Spielplan und ist fast immer ausverkauft.

geschrieben am 15. April 2015

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