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Der Autor

Peter Pragal wurde 1939 in Breslau (heute Wrocław, Polen) geboren. Nach Flucht und Vertreibung kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er das Abitur machte und nach dem Studium der Publizistik, Neueren Geschichte und Politik auch die Journalistenschule in München besuchte.

Als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung war er für die Berichterstattung aus der DDR, Bulgarien, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn zuständig. Pragal war außerdem leitender Redakteur bei der Berliner Zeitung. Seit 2004 arbeitet er als freier Journalist und Publizist in Berlin.

Basierend auf persönlichen und professionellen Erfahrungen hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem "Der geduldete Klassenfeind - Als Westkorrespondent in der DDR" und "Wir sehen uns wieder mein Schlesierland - Auf der Suche nach Heimat".

Im Internet: www.prager-literaturhaus.comwww.prager-literaturhaus.com
| | Panorama | 14.4.2015

Die Staatssicherheit im Kloster

Pragals Prager Tagebuch (6)

Die Bartolomejska in der Prager Altstadt ist eine ruhige Gasse. Während über die nahe Narodni Straßenbahnen rattern und sich Autos durch den Verkehr quälen, geht es in der Bartholomäusstraße eher gemächlich zu. Es gibt ein paar Kneipen, aber kaum Geschäfte. Vor einigen Gebäuden parken Polizeiautos. In mehreren Häusern arbeiten Sicherheitskräfte, unter anderen auch die Prager Kripo. Die Konzentration der Ordnungshüter hat hier Tradition. In einer seiner frühen Reportagen hat Egon Erwin Kisch den Beginn einer Razzia beschrieben:

„Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor des Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa fünfzehn mit Stöcken bewehrte Männer treten hinaus, Polizeibeamte und Detektive. Es bilden sich drei Gruppen: die eine zieht zur Postgasse hinunter und wendet sich dann gegen die obere Neustadt hin. Die beiden anderen Gruppen schreiten zur Altstadt zu.“ Am Ende der höchst kurzweilig zu lesenden Schilderung schreibt Kisch: „Die Razzia ist beendet, der Boden der Großstadt wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig Verhaftete. In der Aufnahmekanzlei des Polizeigefangenenhauses werden ihre Personalien aufgenommen, die Taschen untersucht, Zellen angewiesen.“

Schräg gegenüber vom Kripo-Gebäude steht die Bartholomäus-Kirche mit der Hausnummer 9. Kilian Ignaz Dientzenhofer hat sie zwischen 1726 und 1731 gebaut und Vaclav Reiner mit barocker Pracht üppig ausgestattet. Zum Gotteshaus gehört ein ehemaliges Klostergebäude, das - wie die Kirche selbst - eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Das dem Apostel und Märtyrer gewidmete Gebäude wurde auf der Stelle erbaut, wo einst das so genannte „Neue Jerusalem“ stand, ein vom Reformprediger Jan Milic eingerichtetes Asylhaus für „gefallene Frauen.“ Unter der Obhut der Jesuiten wurde die Kapelle um ein Kloster erweitert. Auch eine Bibliothek und ein Garten gehörte zu dem Areal. 1785, im Zuge der von der Aufklärung bestimmten Reformpolitik des österreichischen Kaisers Josef II. schloss die Regierung die Kirche samt Kloster. Neuer Eigentümer wurde die Stadt. Sie nutzte es als Magazin.

Eine wohlhabende Baronin namens Gabriele Thysebart sorgte dafür, dass aus dem weltlichen wieder ein kirchliches Haus wurde. Sie kaufte es der Stadt ab und übereignete es 1856 dem Orden der Grauen Schwestern vom Heiligen Franziskus. Die Nonnen konnten ihrer caritativen Arbeit fast hundert Jahre lang ungehindert nachgehen. Mit der kommunistischen Machtergreifung 1948 nahte das Ende. 1950 mussten die Schwestern das Kloster verlassen. Sie wurden in ein Arbeitslager verbannt.

Der Gebäudekomplex wurde vom tschechoslowakischen Geheimdienst besetzt. Außer Büros gab es Verhör- und Folterungsräume sowie ein Gefängnis. In einer der Zellen saß, wie viele andere Dissidenten, auch der Dichter, Regimegegner und spätere Präsident Vaclav Havel. Die Kirche diente den Geheimdienstlern für Schießübungen. Der Name „Bartolomejska“ wurde zum Inbegriff für Angst, Einschüchterung und Leiden. Frantisek Cerny, den ich aus seiner Zeit als Gesandter und Botschafter in Berlin kenne, hat mir dieser Tage erzählt, wie er es nach einer Vorladung geschafft hat, wieder heil herauszukommen. Als er nach dem Verhör ein Protokoll unterschreiben sollte, das ihn zur Geheimhaltung verpflichtete, hat er sich hartnäckig geweigert. Selbstverständlich werde er seinem dienstlichen Vorgesetzten von der Vernehmung berichten, habe er den Geheimdienstlern erklärt. Daraufhin ließ man ihn gehen.

Nach der „samtenen Revolution" und dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde zunächst das Kloster, später auch die Kirche an die Franziskanerinnen zurück gegeben. Ihre Zahl hatte sich in der Zeit der Diktatur drastisch verringert. Die Gebäude waren in einem erbärmlichen Zustand. Die Fresken des spätbarocken Gotteshauses waren so stark beschädigt, dass Experten eine Rettung kaum für möglich hielten. Dennoch konnte die Kirche in fünfjähriger Arbeit restauriert werden.

1992 hatte die Anlage hohen Besuch. Der britische Thronfolger Prinz Charles, der sich über eine Stiftung finanziell an der Restaurierung beteiligte, besichtigte den historischen Ort. Begleitet wurde er von Präsident Havel, der sich als ehemaliger Häftling als sachkundiger Führer erwies. Am 18. April 1998 konnte das Gotteshaus endlich wieder geweiht werden. Im August 2000 erklang zum ersten Mal die neue Orgel.

Aus dem ehemaligen Klostergebäude ist ein Vier-Sterne-Hotel geworden. Im Foyer hat die Direktion historische Schwarz-Weiß-Fotos ausgestellt, darunter eine Aufnahme, die einen von Prager Zivilisten umringen Schützenpanzer der deutschen Wehrmacht zeigt. Man schrieb den 5. Mai 1945, der Tag, an dem der Aufstand gegen die deutschen Besatzer begann. Für interessierte Besucher gibt es ein Informationsblatt in englischer Sprache mit einer Kurzfassung der Kirchen- und Klostergeschichte. Ich hätte gerne die ehemaligen Zellen besichtigt. In den 90-er Jahren war das noch möglich. Das gehe leider nicht, erklärte eine Mitarbeiterin an der Rezeption. In den Kammern, in denen einst Menschen eingesperrt waren, sind heute technische Anlagen der Herbergsbetriebes untergebracht.

geschrieben am 11. April

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