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Der Autor

Peter Pragal wurde 1939 in Breslau (heute Wrocław, Polen) geboren. Nach Flucht und Vertreibung kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er das Abitur machte und nach dem Studium der Publizistik, Neueren Geschichte und Politik auch die Journalistenschule in München besuchte.

Als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung war er für die Berichterstattung aus der DDR, Bulgarien, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn zuständig. Pragal war außerdem leitender Redakteur bei der Berliner Zeitung. Seit 2004 arbeitet er als freier Journalist und Publizist in Berlin.

Basierend auf persönlichen und professionellen Erfahrungen hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem "Der geduldete Klassenfeind - Als Westkorrespondent in der DDR" und "Wir sehen uns wieder mein Schlesierland - Auf der Suche nach Heimat".

Im Internet: www.prager-literaturhaus.comwww.prager-literaturhaus.com
| | Gesellschaft | 20.4.2015

Mutig gegen das Regime - ein Rückblick auf die 80-er Jahre

Pragals Prager Tagebuch (11)

Wenn ich diesen Tagen, von der Burg kommend, die Loretanska-Gasse hinauf schritt, sah ich schon von weitem das Palais Cernin, Sitz des Außenministeriums. In den achtziger Jahren, als die Kommunisten regierten, habe ich dort meinen Presseausweis bekommen. Als Korrespondent, der diesen Namen verdient, habe ich mich nicht gefühlt. Ich konnte kein Tschechisch, hatte in der Stadt keine Freunde oder Bekannte und lebte und arbeitete in Berlin(Ost), Hauptstadt der DDR. Westliche Journalisten wohnten damals kaum vor Ort. Die saßen meistens in Wien und reisten ab und zu an die Moldau.

Der tschechoslowakische Geheimdienst hatte auf die West-Journaille ein wachsames Auge und Ohr. Wenn er mitbekam, dass ich mich - vermittelt durch einen ortsansässigen tschechischen Kollegen - mit Dissidenten treffen wollte, wurde er aktiv. Es kam sogar vor, dass ich trotz gültigen Visums nicht ins Land gelassen wurde. Einmal wurde ich in Decin aus dem Zug geholt. Ohne Begründung. Da stand ich dann auf dem Bahnsteig, kam mir etwas verloren vor und wartete auf die Bahn in die Gegenrichtung. „Na, schon wieder zurück“, begrüßten mich grinsend die DDR-Grenzer.

Bei einem meiner Aufenthalte besuchte ich Kardinal Frantisek Tomasek. Der damals 86-jährige war das Oberhaupt der Katholiken in der CSSR. Als ich sein Arbeitszimmer im Erzbischöflichen Palais auf dem Hradschin betrat, saß er an seinem Schreibtisch, vor sich ein Kofferradio und hörte gerade Nachrichten des in Köln ansässigen Deutschlandfunks. Während unserer Unterhaltung - er verstand und sprach deutsch - drehte er den Lautstärkeregler höher, eine Vorsichtsmaßnahme.  Er ging davon aus, dass er vom Geheimdienst abgehört wurde. „Eigentlich sind wir ja Nachbarn“, sagte er und meinte damit den damaligen Staatspräsidenten Gustav Husak. Längst hatte es der Kirchenmann aufgegeben, um einen Gesprächstermin bei dem auf der Burg residierenden Staatsoberhaupt nachzusuchen. Die Bitten wurden entweder gar nicht oder mit Ausflüchten beantwortet.

Für die kommunistische Obrigkeit war der greise Seelenhirte ein Ärgernis: Als Primas und Wortführer der tschechischen und slowakischen Katholiken verkörperte er den Selbstbehauptungswillen einer Minderheit, die sich geistig nicht gängeln ließ. Obwohl sich die amtliche Kirche keineswegs als Opposition verstand, wurde der Kardinal wie ein Widersacher behandelt. Die von Partei und Staat gelenkte Presse hielt ihm vor, er versuche feindlichen Kreise im Ausland „bewusst in die Hände zu arbeiten.“ 

Gegen die katholische Christen führte das atheistische Regime einen harten Kurs. Priester wurden mit Berufsverbot bestraft, von der Polizei eingeschüchtert oder mit Gerichtsverfahren überzogen. Für Gläubige, denen ihr religiöses Bekenntnis wichtiger war als das Parteibuch, waren Benachteiligung und Diskriminierung bei Ausbildung und Beruf an der Tagesordnung. „Die staatlichen Organe sind bestrebt“, beschrieb damals ein hoher Geistlicher die Lage, „Erscheinungen des religiösen Lebens so weit wie möglich zum Verstummen zu bringen.“

Im August 1988 war ich erneut in Prag. Man schrieb den 20. Jahrestag des sowjetischen Einmarsches. Mein Hamburger STERN-Kollege Niklas Frank und ich wurden Zeugen einer spontanen Demonstration gegen das kommunistische Regime. Ein Strom von Menschen bewegte sich vom Wenzelsplatz über den Graben zum Altstädter Rathaus. Wir reihten uns ein. Die meisten, die neben uns liefen, waren junge Leute. „Es lebe Dubcek, es lebe die Freiheit“, rief einer immer wieder. Wie es zu diesem Protestzug kam, war uns nicht klar. Es mag die jahrelang aufgestaute Enttäuschung über die Reformunfähigkeit der Machthaber gewesen sein, die den Menschen Mut machte und sie auf die Straße gehen ließ. Vielleicht auch die Erwartungen an Michail Gorbatschows neuen Kurs im Kreml. Und nicht zuletzt die Rebellion der polnischen Nachbarn.

Vom Ausmaß dieses friedlichen Aufzuges war die Polizei offenbar überrascht. Verstört schauten die martialisch ausgerüsteten Ordnungshüter auf das unbotmäßige Treiben. „Auf zum Hradschin“, ertönte eine Stimme, „vergesst eure Angst.“ Sofort setzte sich der Zug wieder in Bewegung, umrundete das Hus-Denkmal und schwenkte in Richtung Moldau. Immer mehr Menschen schlossen sich an, Passanten, auch Touristen. Neben und hinter uns hörten wir deutsche Laute. Junge DDR-Bürger beteiligten sich aktiv, klatschten mit hochgehobenen Händen und riefen die gleichen Parolen.

An der Moldau-Brücke geriet der Marsch ins Stocken. Sicherheitskräfte versperrten den Weg. Die Menschen schwenkten nach links, liefen entlang des Flusses Richtung Karlsbrücke. Alte Männer am Straßenrand klatschten und feuerten die Demonstranten an. Fremde Menschen grüßten einander, indem sie die Finger zum V spreizten, dem Symbol des Sieges. Auch der Zugang zum ältesten Flussübergang war abgeriegelt. Polizisten griffen zu ihren Schlagstöcken und nahmen eine drohende Haltung ein. Scharfe Hunde standen bei Fuß. Autos kamen nicht mehr weiter. Sie waren von Menschen eingekeilt. Die Fahrer warteten geduldig. Niemand hupte oder beschwerte sich.

Am Nationaltheater schlug die Stimmung um. Plötzlich waren sie da, die Hundertschaften, mit Helmen, Schilden und langen weißen Knüppeln. Einzelne Demonstranten wurden herausgegriffen und abgeführt. Die Menge geriet in Panik, floh durch Seitenstraßen und Gassen. Noch einmal versuchten junge Leute sich zu sammeln. Mit Schlägen wurden sie auseinander getrieben. Die Staatsgewalt hatte die Lage wieder fest im Griff. 

Als ich im Oktober 1988 erneut in Prag war, erlebte ich ähnliche Szenen. Am 70. Jahrestag der Republik-Gründung gingen wiederum einige tausend Prager auf die Straße, um friedlich für Veränderungen zu demonstrieren. Diesmal reagierte die Staatsmacht sofort. Mit Wasserwerfern und Tränengas, Schlagstöcken und Hunden trieben Polizisten in Kampfausrüstung die Menge auseinander. Die samtene Revolution ein Jahr später, das Ende der kommunistischen Herrschaft, habe ich leider nicht vor Ort erlebt. Die Berichterstattung über den revolutionären Herbst in der DDR und über den Mauerfall in Berlin und seine Folgen ging vor.

An die finstere Zeit des kommunistischen Regimes zwischen 1948 und 1989 erinnert ein Mahnmal am unteren Hang des Laurenzibergs. Ein über 26 Stufen führendes Schriftband vermittelt die Botschaft, dass 248 Menschen aus politischen Gründen hingerichtet wurden und etwa 4.500 politische Häftlinge in den Gefängnissen starben. Zum Mahnmal gehören sieben hinter einander aufgestellte mannshohe Bronzefiguren. Nur die erste ist komplett. Der nächsten ist die Brust aufgerissen, der folgenden fehlt ein Arm. Die letzte Figur ist nur ein Torso. Die Metallkörper sollen die Standhaftigkeit all jener Menschen demonstrieren, deren Leben durch die totalitäre Despotie ruiniert wurde, die aber nie umfielen.

geschrieben am 20.April 2015

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