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Der Autor

Peter Pragal wurde 1939 in Breslau (heute Wrocław, Polen) geboren. Nach Flucht und Vertreibung kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er das Abitur machte und nach dem Studium der Publizistik, Neueren Geschichte und Politik auch die Journalistenschule in München besuchte.

Als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung war er für die Berichterstattung aus der DDR, Bulgarien, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn zuständig. Pragal war außerdem leitender Redakteur bei der Berliner Zeitung. Seit 2004 arbeitet er als freier Journalist und Publizist in Berlin.

Basierend auf persönlichen und professionellen Erfahrungen hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem "Der geduldete Klassenfeind - Als Westkorrespondent in der DDR" und "Wir sehen uns wieder mein Schlesierland - Auf der Suche nach Heimat".

Im Internet: www.prager-literaturhaus.comwww.prager-literaturhaus.com
| | Reise | 29.4.2015

Einblicke und Ausblicke - Was mich mit Prag verbindet

Pragals Prager Tagebuch (17)

Es hätten ruhig ein paar mehr Zuhörer sein können, als am gestrigen Montag im Literaturhaus die abschließende Lesung stattfand. Manche meiner alten und neuen Bekannten hatten kurzfristig abgesagt, andere hatten von vornherein andere Termine. Nur ein rundes Dutzend Literaturfreunde hörte mir im dem auch als Bibliothek dienenden Vortragsraum zu, als ich verschiedene Beiträge vortrug, die ich in den vergangenen vier Wochen in Prag geschrieben hatte. Gleichwohl: das kleine Auditorium schien zufrieden zu sein, führte eine, von Frantisek Cerny moderierte lebhafte Diskussion und stand beim abschließenden Empfang noch lange zusammen, bis uns ein drohendes Gewitter nach Hause trieb.

Heute ist der letzte Tag meiner Stipendiaten-Zeit. Meine Gastwohnung mit Sicht zur Moldau ist mir mittlerweile zum vertrauten Heim geworden. Es regnet, das erleichtert den Abschied. Trotzdem: Ich werde ihn vermissen, den Blick auf den Petrin mit dem nachts erleuchteten Aussichtsturm und auf die Burg und den Dom. Als ich vor Ostern hier einzog, war es kühl. Regen- und Schneeschauer jagten über den Fluss und die Stadt. Aber schon bald kam der Frühling. Die Natur schien zu explodieren. Gleichsam über Nacht wurden die Kastanien auf der Slawen-Insel grün. Mandelbäume und Magnolien standen plötzlich in Blüte. Und nun verströmt schon der Flieder seinen Duft. Eine schönere Zeit hätte ich mir nicht aussuchen können.

Fremd war mir die tschechische Hauptstadt nie. Aber in diesem Monat habe ich sie in einer Weise kennengelernt, wie sie gewöhnlichen Touristen wohl verschlossen bleibt. Statt mich im Strom der auswärtigen Besucher treiben zu lassen, habe ich mir Orte abseits der üblichen Routen des Fremdenverkehrsgewerbes gesucht. Einige lagen in der Altstadt und auf der Kleinseite. Auch dort gibt es Gassen, in denen man nur wenige Menschen trifft. Da wo keine Reisegruppe einem Stadtführer mit hoch gehaltenem Fähnchen folgt und sich nicht Kneipe an Kneipe, Andenkenladen an Andenkenladen reiht, kommt man dem Zauber der Stadt näher, als beim Dauerfotografieren der so genannten Highlights.

Die bauliche Vielfalt dieser Stadt mit ihren Palästen und Bürgerhäusern, ihren Wehrtürmen und Kirchen ist beeindruckend. Wie in einem Freiluftmuseum bietet das im Zeiten Weltkrieg nahezu unzerstörte Prag architektonische Werke aller Stilrichtungen - von der Gotik und der Renaissance über den Barock bis zum Jugendstil und Kubismus. Aber es gibt auch das andere Prag. Die meisten der rund 1,3 Millionen Einwohner der Hauptstadt leben nicht im Zentrum, dort wo die teuren Restaurants und Geschäfte sind, sondern in den äußeren Bezirken. Prag ist von einem Kranz von Neubauvierteln umgeben, Hochhäusern jüngeren Datums und Plattenbauten aus der sozialistischen Ära. Einige habe ich mir angesehen, die drei U-Bahnlinien reichen bis zu diesen Stadtquartieren. Schlafstädte gibt es überall um die Metropolen, in Ost wie in West.

In der Nähe meiner Wohnung, genau gegenüber dem Nationaltheater, steht das Café „Slavia“. Das zum Kult gewordene Kaffeehaus, in dem zahlreiche Literaten und Künstler, später auch Dissidenten zu Hause waren, habe ich in den ersten Wochen gemieden. Das „Slavia“ mit seinen breiten Fenstern steht in allen Reiseführern, und dort einmal einzukehren, ist für viele Touristen eine selbstverständliche Pflicht. Über dieses Kaffeehaus ist schon so viel geschrieben worden, meinte ich, was könnte ich da noch entdecken, worüber noch nicht berichtet worden ist.

Eines Tages war ich dann doch im „Slavia“. Ich hatte nämlich eine Geschichte gehört, die mich veranlasste, mich in de legendären Räumen umzuschauen. Nach der samtenen Revolution war das zu dieser Zeit geschlossene Café an eine US-amerikanische Firma für die Dauer von 50 Jahren vermietet worden. Ohne Auflagen für die weitere Verwendung. Das grämte die einstigen Stammgäste, allen voran Vaclav Havel, der inzwischen zum Präsidenten gewählt worden war. Er veranlasste eine Petition an den Pächter mit der Forderung, das Cafe sofort wieder zu öffnen. Als dies nicht geschah, besetzten Prager Studenten das Kaffeehaus und bewirteten die Gäste, unter ihnen etliche Prominente.

Die von Havel initiierte Übernahme war zwar rechtswidrig und wurde bald wieder aufgegeben. Aber sie führte dazu, dass nach gerichtlichen Auseinandersetzungen der Mietvertrag gekündigt und neu ausgeschrieben werden konnte. Im November 1997 ist das inzwischen renovierte Haus mit einer großen Fete wieder eröffnet worden. Was in diesem Fall gut ausging, wurde in anderen Fällen zum Ärgernis. Die vom Havel-Nachfolger Vaclav Klaus gepriesene freie Marktwirtschaft lockte Immobilienhaie an, die Gebäude zu Zwecken der Spekulation erwarben. An manchen Stellen der Innenstadt, verhüllt unter Planen, stehen solche Häuser, ohne dass sie erkennbar genutzt werden.

Wolfgang Amadeus Mozart fühlte sich wohl an der Moldau. „Die Prager verstehen mich“, sagte er. Bei seinen Aufenthalten wohnte er auch in der Villa Bertramka. Sie liegt an einem bewaldeten Abhang im Stadtteil Smichov und gehörte dem Pianisten Frantisek Dusek und seiner Frau Josefa, einer Sängerin. Das Ehepaar machte die Villa zu einem gastfreundlichen Haus mit reichhaltigen Kunstsammlungen. Mozart beendete dort seinen Don Giovanni. 1929 erwarb die tschechische Mozart-Gemeinde das historische Haus von der Stiftung Mozarteum und verwaltete es, bis sie 1986 von den kommunistischen Machthabern gezwungen wurde, die Villa an die Kommune abzutreten. Die richtete dort ein viel besuchtes Museum ein.

Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Smichov, folgte den Hinweisschildern („Mozart Museum“), stieg die steile Gasse Moartova hinauf und stand vor einem Tor. Obwohl ich zu der auf einem Schild angegebenen Öffnungszeit kam, war es verschlossen. Ich versuchte es an einem anderen Eingang und hatte Glück. Dann die Überraschung: Das Gelände war verwaist, kein Mensch zu sehen. Die Türen zur Villa verschlossen. Von einer Ausstellung keine Spur. Vor einem Nebengebäude stand eine zerbrochene Kutsche. Ich war enttäuscht. Später erfuhr ich, dass ein Gericht den fünften Prager Stadtbezirk verpflichtet hat, die Villa an die Mozart-Gemeinde zurückzugeben. Einrichtungsgegenstände, die vermutlich Leihgaben waren, wurden weggeschafft. Was aus dem früheren Museum werden soll, habe ich nicht ermitteln können.

An meinem kurzen Weg zur Straßenbahn komme ich an mehreren Ateliers vorbei. Manchmal stehen kunstsinnige Menschen auf dem Gehsteig, trinken Wein und fachsimpeln, während andere drinnen Bilder betrachten. Prag ist voll von kleinen und großen privaten Ausstellungsräumen. Jüngst habe ich einen Prager zu einem derartigen Treffen begleitet. In der Ujezd Nummer 32, unterhalb es Laurenziberges, steht ein Wohnhaus mit einer Gedenktafel. Sie erinnert an den international bekannten Fotografen Josef Sudek. Durch zwei Hinterhöfe gelangt man zu einem kleinen Holzhaus, in dem der 1976 verstorbene Lichtbildner seit 1928 lebte und arbeitete. Neben dem Atelierhaus ist ein verwilderter Garten.

Die aktuelle Ausstellung mit eigenwilligen Holz-Installationen interessierte mich wenig. Das Haus umso mehr. In einer kleinen Kammer steht noch das Steinbecken, in dem er seine Filme entwickelte. Eine Wandtafel skizziert seinen Lebenslauf. Der gelernte Buchbinder, dessen rechter Arm nach einer im Ersten Weltkrieg erlittenen Verletzung amputiert werden musste, entdeckte seine Liebe zum Fotografieren in einem Prager Invalidenheim. Nach seinem Studium an der Schule für Staatlichen Künste machte er die neue Kunstart zu seinem Beruf.

Mit seinen Zyklen zu Gärten, Labyrinthen und Bäumen gewann er das Interesse der Fachwelt. Zum Lieblingsobjekt wurde jedoch die Stadt, in der er lebte. In seinen Publikationen zu blättern, schrieb ein Rezensent, gleicht einem Spaziergang durch Prag. „Es ist kein Buch für Touristen, sondern vor allem Ergebnis tief empfundener Liebe zur Stadt.“ Seine Fotografien hängen in zahlreichen Museen des In- und Auslands. Und in der Heimat gilt er als Mitbegründer der modernen tschechischen Fotografie.

An einem Sonntagmorgen stellte ich fest, dass ich vergessen hatte, Milch zu kaufen. Ich Berlin hätte ich damit möglicherweise ein Problem. Nicht so in Prag. Ein Ladenschlussgesetz mit strikten Zeiten wie in Deutschland gibt hier nicht. Die meisten großen Supermärkte und viele Geschäfte der Innenstadt haben auch an Sonntagen geöffnet, oft sogar bis 22 Uhr abends. Das größte Kaufhaus der Stadt, das von deutschen Investoren erworbene Palladium am Platz der Republik, steht den Kunden ebenfalls an sieben Tagen offen. Die ehemalige Kaserne mit ihrer altrosafarbenen Fassade bietet auf 40.000 Quadratmetern Platz für 200 Geschäfte. Auch Arbeiter schuften am Sonntag. Nicht nur solche, die dringende Reparaturen ausführen müssen, auch auf gewöhnlichen Baustellen drehen sich die Kräne.

Bewunderung empfinde ich für Radfahrer. Es erfordert Mut, sich auf zwei Rädern in den Verkehr zu wagen. Da es zu wenige Fahrradwege gibt, benutzen viele die Gehsteige. Sie müssen sich diese nicht nur mit Fußgängern, sondern auch mit den behelmten Rudeln von Menschen teilen, die mit rollerartigen Vehikeln, genannt Segway, unterwegs sind. Sich die Straße mit Autofahrern zu teilen, ist höchst riskant. Das machen nur todesmutige Mountainbiker und Fahrradkuriere, die sich auf engen, von Schienen durchzogenen Straßen atemberaubende Wettfahrten mit Auto-Lenkern liefern.

Sich in Prag ohne Kenntnisse der tschechischen Sprache zu verständigen, ist kein Problem. Viele, vor allem jüngere Tschechen, sprechen englisch. Das Gros der Restaurants im Zentrum hat mehrsprachige Speisekarten. Und wer als Tscheche in der Tourismus-Branche beschäftigt ist, für den ist die Beherrschung fremder Sprachen Pflicht. Deutsch war in der Zeit der Monarchie die Sprache der Gebildeten und der Beamtenschaft. Auch in der ersten Republik wurde noch viel Deutsch gesprochen. Die Nazis führten generell die Zweisprachigkeit ein. Und selbst in der sozialistischen Ära war an den Schulen - nicht zuletzt wegen der Nähe zur „brüderlichen“ DDR - neben dem Pflichtunterricht Russisch - Deutsch erste Fremdsprache. Nach 1990 ging das Interesse an der deutschen Sprache zurück. Das Englische, die Sprache der Computer- und Geschäftswelt, dominierte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Mein Vorsatz, vor Ort ein wenig Tschechisch zu lernen, hat Schiffbruch erlitten. Außer Dobry den (Guten Tag), Prosim (Bitte), Dekuji (Danke), Na shledanou (Auf Wiedersehen) und ein paar weiteren Höflichkeitsfloskeln sind keine tschechischen Worte in meinem Gedächtnis hängen geblieben. Aber vielleicht ändert sich das noch - beim nächsten Besuch in der Goldenen Stadt.

geschrieben am 28. April 2015

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