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| | Nachtleben | 16.10.2010

Shellac in der Futurum Music Bar: Viel Lärm um alte Männer

In einer fremden Stadt in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, auf ein Konzert zu gehen, ist schon mal per se abenteuerlich. Ich bekomme latente Schuldgefühle, weil ich noch nicht mal auf Tschechisch die Eintrittskarte kaufen kann. Dabei gehe ich am heutigen Abend bereits zu meinem dritten Konzert hier in Prag. Die wichtigsten Vokabeln und Phrasen dafür sollte ich mir also langsam wirklich mal draufschaffen. „Hello, one ticket please!“ tut’s aber zum Glück auch. Wechselgeld eingesteckt, Stempel bekommen. „Děkuji!“ – immerhin bedanken kann ich mich auf Tschechisch, so viel hat der Sprachkurs also schon mal gebracht.

Ich gehe nach unten in das Kellergewölbe der Futurum Music Bar und bin begeistert: Es ist wirklich schön hier! Aber zum Glück nicht so stylisch, dass nicht eine gewisse Rockschuppenatmosphäre aufkommen würde. Prag ist zwar in erster Linie bekannt für klassische Konzerte und Jazz, aber da mich diese Musikrichtungen nicht so wirklich begeistern können, bin ich sehr froh darüber, inzwischen auch schon einige Locations für Indie, Alternative Rock und andere Gitarrenmusik gefunden zu haben. Und am heutigen Abend steht eine ganz besondere Band auf dem Programm: Shellac, die Noise Rock-Veteranen um Steve Albini.

Wem dieser Name nichts sagt: Albini ist vor allem dafür bekannt, als „Recording Engineer“ zahlreiche bedeutende Alben aufgenommen zu haben, unter anderem von Nirvana („In Utero“), den Pixies („Surfer Rosa“), Bush („Razorblade Suitcase“), Mclusky („Mclusky Do Dallas“) und PJ Harvey („Rid Of Me“). Die Berufsbezeichnung „Musikproduzent“ lehnt er allerdings ab, weil er seine Aufgabe nicht darin sieht, Einfluss auf die Bands auszuüben, sondern ihre Musik möglichst originalgetreu zu dokumentieren. Dadurch haben die in seinem Studio entstandenen Platten meist einen sehr rohen und dreckigen Sound. Und genauso einen Sound pflegt er auch mit seiner eigenen Band Shellac zu zelebrieren, in der er Gitarre spielt und singt.

Shellac gibt es schon seit 1992, die Band hat in der gesamten Zeit jedoch gerade mal vier Alben sowie ein paar Singles und EPs veröffentlicht. Beinahe alles, was für andere Bands zum Alltag gehört – Zyklen von Alben aufnehmen und auf Tour gehen, um sie zu vermarkten – liegt ihnen völlig fern. Sie touren wie, wann und wo sie wollen, wenn es denn der volle Terminkalender erlaubt. Shellac machen Sachen eben so, wie sie sie machen wollen, und nicht anders – auch wenn alle Welt es anders macht. Selbstbestimmung war ihnen schon immer wichtiger als kommerzieller Erfolg. Dazu passend verwenden sie auch gerne monotone zwölfminütige Songs als Album-Opener und stellen Hits ganz ans Ende. Trotzdem (oder vielleicht sogar deswegen?) haben sie eine ziemlich treue Fanbase aus Musikliebhabern.

Vor dem Auftritt in Prag gab es von der Band außerdem genaue Anweisungen an den Lichttechniker: Nur weißes Licht bitte, keine sich bewegenden Scheinwerfer, kein Stroboskop, alles in allem: eine neutrale Einstellung, und dann Finger weg von den verlockenden Knöpfchen der Lichteffekthascherei. Für den Lichttechniker des Hauses sollte es also ein geruhsamer Abend werden. Zumindest, sofern er sich die Ohrstöpsel tief in die Gehörgänge gebohrt hat. Denn es sollte laut werden am heutigen Abend. Bei Noise Rock geht es wie der Name schon sagt in erster Linie um Lärm, und der funktioniert eben nicht bei Zimmerlautstärke.

Im Gegensatz zu den anderen Konzerten, auf denen ich in Prag bisher war, hing in der Futurum Music Bar nirgendwo ein Zettel mit den genauen Spielzeiten der Bands (und den Deutschen sagt man nach, sie seien pedantisch!). Das Warten auf die Vorband Bellini versüßte ich mir deshalb in aller Ruhe mit einem Bier – und ich meine nicht so einen billigen Pappbecher, ich rede von einem Glas Bier, frisch gezapft und dazu wie so oft in Prag unschlagbar günstig. Hier wird die Bierbrau- und -trinktradition wirklich noch ernst genommen!

Bellini traten dann ohne ihre Sängerin auf, denn diese war krank, wie der Gitarrist zu Beginn verkündete. Dafür schraubte er die Erwartungen an den Abend noch weiter in die Höhe: „Shellac ist die beste Band der Welt. Wenn ihr sie heute zum ersten Mal seht, dann werdet ihr dieses Konzert für immer in Erinnerung behalten.“ Was Bellini an Gesang fehlte, machten die drei verbliebenen Bandmitglieder an Spielfreude und purer Lautstärke locker wett. Da wurde mathematische Präzision gepaart mit der Wucht einer akustischen Dampflokomotive. Eigentlich sollte man seinen Ohren danach wohl eine dreiwöchige Kur bei Meeresrauschen und Easy Listening gönnen, doch das war hier nicht drin – schließlich stand noch die Hauptband auf dem Programm.

Was zuerst auffällt: Shellac sind nicht mehr die Jüngsten, und so wölben sich zwei Plautzen über Gitarre und Bass. Nur der dürre Schlagzeuger Todd Trainer versprüht einen Hauch von dem, was man allgemein unter Rock’n’Roll versteht. Außerdem klingen Shellac live nicht besonders anders als auf ihren Platten, was wohl vor allem daran liegt, dass die Platten sehr direkt und ohne Overdubs aufgenommen sind. Aber es ist natürlich trotzdem etwas völlig anderes, drei schwitzende Männer vor sich und eine euphorische Menge um sich zu haben, als bloß im heimischen Zimmer Musik zu hören.

Shellac spielen knochentrockenen, bösartigen Noise Rock, die vielleicht kathartischste Musik überhaupt. Der Bass grummelt und knurrt, das Schlagzeug klingt trocken und tight und die Gitarre spielt ihre biestigen Riffs und Akkorde bei voller Verzerrung. Dass Albinis Stimme dazu teilweise etwas dünn klingt, stört kaum, schließlich lässt genau das sein verzweifeltes Gekeife noch verzweifelter klingen. Es gibt einen Querschnitt aus allen ihren Alben zu hören und man merkt daran, was es für einen Vorteil hat, wenn eine Band ihren Stil über gut 15 Jahre nicht verändert: Es passt alles zusammen, es macht keinen Unterschied, aus welcher Phase der Band ein Song stammt. Shellac mögen vielleicht nicht die beste Band der Welt sein, aber sie sind verdammt einzigartig.

Das Publikum zeigt sich derweil angemessen begeistert. „Danke dass ihr nach Europa gekommen seid!“ ruft ein Mädchen in der ersten Reihe aufgekratzt. „Kein Problem“, kommt prompt die lakonische Antwort, „wir waren sowieso hier.“ Während Albini stimmt, beantwortet Bassist Bob Weston dann Publikumsfragen. „Warum wir so selten auftreten? Naja, wir haben eben alle Jobs!“ Natürlich driftet es bald ins Komödiantische ab. Warum Albini so ein Hipster-T-Shirt trage, will jemand wissen. „Das ist aus Finnland, das kann gar nicht cool sein.“ Publikumsnähe ist hier keine Marketingstrategie, sondern gehört einfach dazu.

„Wir spielen jetzt noch zwei Songs, dann packen wir unser Equipment zusammen, und wenn ihr wollt, könnt ihr euch danach noch mit uns unterhalten. Achja, und wir verkaufen auch noch T-Shirts und so.“ Gesagt, getan. Eine Zugabe gibt es nicht. Überrascht darüber ist wohl niemand, der die Band kennt. Es hätte auch einfach nicht ins Bild gepasst. Anderthalb Stunden leidenschaftlich vorgetragener Lärm der Spitzenklasse reichen ja auch. Nachdem es vorbei ist, erinnert nur noch das Pfeifen in den Ohren an den Orkan, der über einen hereingebrochen ist.

Bildnachweis:
Jonas Trautner

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