Nachrichten

Nachrichten

prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Musik | 8.11.2026
Das Barock war eine wilde Zeit. Musikalisch ging es voll ab. Nicht nur die internationalen Superstars Bach, Vivaldi und Händel bestimmten die Szene. Auch in Böhmen wurde mächtig losgelegt / von Michael Magercord

Prag – Das Rezept scheint einfach: Generalbass drunter, Kontrapunkt drauf und dann das Solo drüber. Aber der Riff muss sitzen, der Notensatz sich zur Fuge fügen und die Improvisation für das besondere Gefühl sorgen. Basso continuo, punctus contra punctum und cantus firmus hießen die Zauberformeln der Barockmusik und deren Anwendung verlangte vom Komponisten wahre Könnerschaft: Nicht nur für den Drive galt es zu sorgen, sondern ebenso für den Blues.

Einer der Meister in dieser Disziplin war Jan Dismas Zelenka aus Louňovice pod Blaníkem / Launowitz in Mittelböhmen. 1679 geboren, ausgebildet in Prag und Italien, zog es ihn als Hofmusiker nach Dresden. Schließlich folgte das Studium des Kontrapunkts in Wien und der Beginn der Komponistenlaufbahn. In dieser Kunst hat er es sogar zum “doppelten Contrapunct” gebracht, wie ein Hamburger Kapellmeister Johann Mattheson 1739 anerkennen musste: Nur Komponisten mit einer “starke Urtheils=Krafft” und “unermüdetens Nachdencken und Fleiß” können es soweit bringen, “wie man solches von dem Herrn Zelenska zu Dresden rühmet”.

Der Tscheche galt als ausgesprochen eigenwilliger und origineller Tonsetzer. Selbst in seiner geistlichen Musik wisse man nie, was im nächsten Takt geschehe, sodass für den Hamburger Kritiker auch das bloße Zuhören der Werke des Böhmen “eine tüchtige Kundschafft melodischer Künste und ein sonst wol eingerichtetes Gehirn” erfordere.

Manche halten Zelenka gar für einen Exzentriker und den Wegbereiter der neuen Musik des 20. Jahrhunderts. Das mag in unseren heutigen Ohren wohl doch etwas übertrieben klingen, aber immerhin hat die Komplexität der Notensetzung dazu geführt, dass seine Stücke nach seinem Tod 1745 in Vergessenheit gerieten. Erst mit der tschechischen Nationalbewegung und vor allem in jüngster Zeit werden immer mehr Kompositionen von Zelenka wieder entdeckt und nun endlich auch eingespielt.

Darum hat sich besonders das traditionsreiche tschechische Label Supraphon verdient gemacht. Und immer wieder war das renommierte Barockensemble Collegium Marianum aus Prag beteiligt, so auch in der letzten CD-Veröffentlichung: Zusammen mit dem Opernsänger Tomáš Šelc haben die gestandenen Musiker drei der besten liturgischen Werke Zelenkas aufgenommen. „Lacrimae“, die Tränen des klagenden Jeremias aus der Karwoche, geben den Blues vor, der in der wunderbar eingesungenen Bassstimme seinen Ausdruck findet: Das “Lamentation”, der Psalm „Confitebor tibi, Domine“ und das „Salve Regina“ von 1724 betören noch heute den wohl eingerichteten Zuhörer.

Als Kontrapunkt der eigenen Art ist auf dieser CD unter den drei schwermütigen Gesangswerken das überbetont heitere Flötenkonzert G-Dur des Prager Italieners Giuseppe Tartini eingefügt. Gedacht ist dieses Kontrastprogramm der Gefühle laut Flötistin Jana Semerádová als Erinnerung dran, dass beides, Dunkelheit und Leichtigkeit, als untrennbare Elemente der menschlichen Seele unser Leben bestimmen. Ob man allerdings beide Gemütslagen auch immer von einer CD bedient wissen will? Zumal, wenn man gerade von der seligen Tiefe des barocken Blues überwältigt wurde?

Wer allerdings jetzt erst recht anmutig beflötet werden möchte, dem sei diese schon etwas ältere CD eben jener Flötistin anempfohlen. Zusammen mit dem Cembalisten Erich Traxler präsentiert Jana Semerádová Suiten, Sonaten und kurze Tänze von Georg Friedrich Händel und Jean-Marie Leclair. Beide Komponisten waren am Hof des englischen Königs Georg II. aus Hannover als Musiklehrer seiner ältesten Tochter Anne tätig. Die spätere niederländische Prinzessin von Oranien war hoch musikalisch, spielte sehr gut Cembalo und liebte es, zu Flötentönen zu tanzen. Die der CD titelgebende flotte Chaconne war 1734 ihr Hochzeitstanz.

Getanzt wurde am Beginn des 18. Jahrhundertwende besonders gern nach Lautenklängen. Aus Frankreich schwappte die Modewelle des Pariser Ballet de Cour bis nach Böhmen und traf dort auf den Lautenvirtuosen Jan Antonín Losy, der oft für die Familie Lobkowitz aufspielte. Er komponiert etliche Tanzsuiten, die sogar am Wiener Hof unter den Händen der Kaiserin höchstpersönlich erklangen. Die Notensätze fanden sich schließlich in Bibliotheken in ganz Mitteleuropa wieder, so auch in jener der Universität Göttingen. Der tschechische Lautist Jan Čižmář nahm drei Suiten, eine Partia und ein Konzert zusammen mit dem Barockmusikern des {oh!}Ensembles als Weltersteinspielung auf. Eine gefällige CD ist so entstanden, die mit dem Solostück für Barocklaute des zeitgenössischen Virtuosen Silvius Leopold Weiss zu Ehren seines verstorbenen Meisters Losy würdig ausklingt.

Dass die Renaissance der böhmischen Barockmusik ungebrochen weitergeht, dafür sorgt die neuste Produktion aus dem Hause Supraphon. Das gerade gegründete Ensemble SILENTIUM! unter Dirigent Tomáš Netopil hebt die musikalischen Schätze vom Sitz des Bischofs Karl II. von Liechtenstein-Castelcorn im südböhmischen Kroměříž. Klar, dass es sich bei der teils erstmals eingespielte Gesang- und Instrumentalmusik aus dem bischöflichen Archiv vornehmlich um geistliche Werke handelt, die mehr oder weniger namhafte Komponisten für die religiösen Zeremonien beigesteuert hatten. Diese CD wird Anfang Dezember erscheinen, doch sollte in Anbetracht des Alters der Werke die Geduld des wohl eingerichteten Hörers bis dahin gerade noch hinreichen. (mm)

 

Alle Angaben zu den vorgestellten CDs:

Lacrimea – Jan Dismas Zelenka

Zelenka: Lamentation, Confitebor tibi Domine, Salve Regis

Tartini: Konzert für Flöte

Tomás Selc, Bass; Collegium Marianum; Jana Semerádová, Flöte

SU 4353-2

Hörbeispiel unter: https://www.supraphon.com/album/3687

 

Chaconne for the Princess – G.F. Händel / J.-M. Leclair

Sonaten, Suite, Passacaglia und Chaconne

Jana Semerádová, Flöte; Erich Traxler, Cembalo

SU 4277-2

Hörbeispiel unter: https://www.supraphonline.cz/album/554144-chaconne-pro-princeznu-handel-leclair/cd

 

Losy – Jan Antonín Losy / Silvius Leopold Weiss

Losy: Suiten, Konzert, Partia und Gig

Weiss: Tombeau sur la mort de M. Comte de Logy arrivée

Tomás Selc, Bass; Collegium Marianum; Jana Semerádová, Flöte

SU 4343-2

Hörbeispiel unter: https://www.supraphonline.cz/album/805315-losy-weiss-loutnova-hudba-v-praze-a-vidni-circa-1700-hudba-p

 

SILENTIUM! – Vejvanovský / Sances / Biber / Rittler

Vokal- und Instrumentalmusik für Barockchor und Orchester

Ensemble SILENTIUM! unter der Leitung von Tomáš Netopil

SU 4391-2; Veröffentlichung erfolgt am 4. Dezember 2026

Hörbeispiele unter: https://www.supraphonline.cz/umelec/1224031-silentium-ensemble

Bildnachweis:
Supraphon
Themen: Musikkritik
hashtags:

Mehr zum Thema

prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Musik | 21.09.2026
In unruhigen Zeiten tut es gut, sich beseelen zu lassen. Musik kann das - wie die Einspielungen der meditativen Klänge des Ehepaars Havlovi immer noch aufs Neue beweisen. / Von Michael Magercord
Themen: Musikkritik
prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Musik | 12.12.2025
Eine Auswahl von Blasmusik aus Tschechien: neue CDs mit Musik von Instrumenten, die geblasen werden wollen / Von Michael Magercord
Themen: Musikkritik
prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Musik | 13.04.2025
Auf den Spuren des tschechischen Komponisten Kryštof Harant / Von Michael Magercord
Themen: Musikkritik
prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur | 2.10.2024
Von Michael Magercord
Themen: Jazz, Musikkritik

Seitenblick

www.saldovo-divadlo.czwww.saldovo-divadlo.cz | Kultur, Theater, Oper
Zum traditionsreichen Šalda-Theater in Liberec gehören heute zwei Theaterbühnen, nämlich die des Šalda-Theaters am Beneš-Platz und die des Kleinen Theaters (Malé divadlo). Das Repertoire umfasst Oper, Schauspiel und Ballett.
www.metrotheatre.czwww.metrotheatre.cz | Urlaub mit Kindern, Kultur
Das Divadlo Metro ist ein traditionsreiches Schwarzes Theater im Prager Stadtzentrum. Es befindet sich in der Passage Metro an der Nationalstraße und spielt fast täglich. Derzeit hat es zwei nonverbale Stücke im Repertoire, die ohne Sprachbarriere und dabei für alle Generationen und Alterskategorien gleichermaßen unterhaltsam sind.

Auch interessant