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Rubrik: Kultur | 3.1.2016
Böhmische Weihnacht: Weihnachtstraditionen und -bräuche in der Tschechischen Republik

Das Weihnachtsfest gehört zusammen mit Ostern zu den wichtigsten Feiertagen im christlichen Kirchenjahr. Und so wie bei den meisten europäischen Nationen und bei den vielen christlich geprägten Nationen anderer Erdteile, gehört Weihnachten (Heiligabend, der 25. und 26. Dezember) auch in der Tschechischen Republik zu den größten und beliebtesten Feiertagen im Jahr.

Die Tschechen entwickelten im Laufe der Jahrhunderte eine ganz eigenständige Form dieser Feiertage. Es entstand die "Böhmische Weihnacht" als ein Fest mit sehr spezifischen kulturellen Inhalten. In der "Böhmischen Weihnacht" spiegeln sich die reichen Traditionen des tschechischen Volkes wieder, seine Sitten und Riten und der ganze kulturelle Reichtum der Folklore des Landes.

Die Weihnachtszeit ist für viele Menschen die schönste Zeit des Jahres, insbesondere für die Kinder. Die Straßen in großen und kleinen Städten sind feierlich dekoriert, die Plätze geprägt vom geschäftigen Treiben auf den Weihnachtsmärkten.

Weihnachtsprogramme in Freilichtmuseen und Museen erinnern an alte Volksbräuche, und vor den raffiniert gemachten Figuren in den Weihnachtskrippen bleiben nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene voller Bewunderung stehen.

Weihnachts- und Adventmusik erklingt in Konzertsälen, Kirchen, auf Burgen und in Schlössern. Weihnacht steht auch in Tschechien im Zeichen der Familie, die zusammenkommt, um in Ruhe miteinander das Fest zu begehen.

Svatý Mikuláš: Nikolaus - der erste Weihnachtsbote

Während für die meisten Erwachsenen angesichts der vielfältigen Vorbereitungen für die Festtage die vorweihnachtliche Zeit wie im Flug vergeht, zählen Kinder ungeduldig die restlichen Tage im Adventskalender. Das Warten auf die Bescherung am Heiligabend verkürzt ihnen St. Nikolaus, der am 5. Dezember, dem Vorabend seines Namenstages, wohl alle Orte in der Tschechischen Republik aufsucht.

Begleitetet wird der majestätische Heilige von Engeln und Teufeln, gemeinsam ziehen sie meist am späten Nachmittag bei Einbruch der Dämmerung durch die Straßen. Sie erschrecken die Kinder ein wenig, beschenken sie aber vor allem mit kleinen Geschenken, Obst und Süßigkeiten. Zuvor fragt der Heilige Nikolaus aber, ob die Kinder brav waren, wenn nicht, müssen sie versprechen, dass sie sich im nächsten Jahr bessern werden.

Die Nikolaus-Tradition geht auf die Legende über den Heiligen Nikolaus zurück, der im 4. Jahrhundert als Bischof in Kleinasien lebte und durch sein gottgefälliges Leben und seine Wohltätigkeit berühmt wurde.

Die Nikolaus-Bescherung wird in allen slawischen Ländern gepflegt. Dieser Brauch ist sehr volkstümlich geworden. Zur Gestalt des Nikolaus, gekleidet in einem langen Mantel und mit einem Krummstab in der Hand, haben sich noch ein Teufel und ein Engel als Darsteller des Gegensatzes von Gut und Böse hinzugesellt.

Böhmische Weihnachtskrippen - weltweit einzigartig

Der Ursprung der Weihnachtskrippentradition findet sich in den Bildern aus der Zeit des Mittelalters mit dem Motiv der Geburt Christi. Die Geschichte von Jesu Geburt war und ist die ewige Inspiration für Krippenbauer, die die Krippe und den Stall aus diversen Materialien wie Holz, Keramik, Papier, aber auch Lebkuchen nachbauen.

In der typisch tschechischen Weihnachtskrippe sind stets folgende biblische Figuren gestaltet: Ježísek (das Christkind) mit kleinem Ochsen und dem Esel, die Jungfrau Maria mit Joseph, die Heiligen Drei Könige (Caspar, Melchior und Balthasar) und die Hirten mit ihren Schafen.

Nicht zu vergessen sind auch die anderen Überbringer von Geschenken, die das Jesuskind mit Weihnachtskuchen, Lamm, Mehl, Gans und Bierfass beschenken, nämlich die Musiker, und der Verkündigungs-Engel mit der Aufschrift Gloria in excelsis Deo.

Das ganze Geschehen wird von dem Stern von Bethlehem gekrönt, der durch den Nachthimmel strahlt. In der Weihnachtskrippe findet man aber auch weitere Figuren - zum Beispiel einen Jäger, einen Schornsteinfeger, auch einen Müller, einen Handwerker mit Gesellen, Bäuerinnen, Mägde, Knechte, Gastwirte, Nachtwächter und Kinder, zu guter letzt auch Ziegen und Enten. Kurz und gut - das ganze Dorf und alles, was zu ihm gehört.

Einige der böhmischen Krippen stellen im Hinblick auf ihre Größe oder ihre Fertigungstechnik Weltrekorde dar und können in Kirchen, Museen oder Freilichtmuseen bewundert werden. Im Museum in Jindřichův Hradec wird die größte mechanische Volkskrippe der Welt ausgestellt: die nach ihrem Erbauer benannte Krýz-Krippe. Dieses monumentale Werk wurde bereits vor über 60 Jahren erbaut und umfasst beinahe 1400 Figuren.

In Třebechovice pod Orebem wurde sogar ein Krippenmuseum gegründet, in dem Krippen aus der Tschechischen und Slowakischen Republik ausgestellt werden. Das wertvollste Exponat ist die Třebechovicer mechanische Krippe. Der außergewöhnlichste Schatz des Krippenmuseums in Karlštejn wiederum ist die Karlštejner Königskrippe mit Figuren böhmischer Könige.

Advent: Weihnachts- und Adventsmusik

Die Weihnachtsstimmung kommt auch in Tschechien mit Beginn der Adventszeit auf, die - wie überall - mit dem ersten der vier Sonntage vor dem Heiligen Abend beginnt. Der Advent (aus dem Lateinischen adventus) heißt wörtlich "die Ankunft". Es ist eigentlich eine strenge Fastenzeit und schließt das Verbot eines abgehobenen, fröhlichen Lebens mit Tanz und Gesang ein. Wie diese Bezeichnung besagt, handelt es sich um einen Zeitraum rein kirchlichen Ursprungs.

Diese Zeit war aber auch von der Pflege von Volksbräuchen gekennzeichnet. Es vereinten sich hier alte heidnische Bräuche und Riten mit dem kirchlichen Verbot, sich zu vergnügen. Fleisch durfte nicht gegessen werden; erlaubt waren nur mit Fisch zubereitete Mahlzeiten. Die Adventfastenzeit endete mit dem Aufgang des ersten Sterns am Heiligen Abend. Der Brauch, nacheinander vier Kerzen auf dem Adventskranz anzuzünden, ist heutzutage weit verbreitet. Das Kerzenlicht symbolisiert die Ankunft Christi. Die Kinder bekommen einen Schokoladen-Adventskalender, der ihnen das Warten auf den Heiligen Abend erleichtert.

Böhmische Musik gehört zum weltweiten Kulturschatz und es gibt kein besseres Geschenk für deren Liebhaber als spezielle Konzerte mit Advents- und Weihnachtsmusik, die sowohl in Konzertsälen als auch auf Märkten, in feierlich geschmückten Kirchen, auf Burgen oder in Schlössern stattfinden.

Zum Repertoire gehört oft die Böhmische Weihnachtsmesse "Hej mistře, vstaň bystře" (Hey Meister, steh schnell auf), die Jakub Jan Ryba Ende des 18. Jahrhunderts komponiert hat.

Weihnachtsplätzchen

Böhmische Plätzchen sind ein weiteres Phänomen der Böhmischen Weihnacht. Obwohl die beliebtesten Sorten ohne weiteres auch gekauft werden können, geben die Frauen in Tschechien hausgemachten Produkten eindeutig den Vorzug - allein schon wegen der Freude bei der Zubereitung, bei der gerne auch die Kinder mithelfen.

Weihnachtsplätzchen werden mit ausreichendem Vorlauf gebacken, damit das Gebäck richtig weich wird und verführerisch duftet. Zu den Dauerbrennern unter dem süßen Weihnachtsgebäck gehören Vanillekipferl, ein kunstvoll geflochtener Mandelstollen, Plätzchen aus Mürbeteig, Schneeküsschen aus geschlagenem Eiweiß und verzierte Honiglebkuchen.

Die Rezepte für all diese Leckereien sind über Generationen erprobt und verbessert worden, und Weihnachtsplätzchen sollten daher bei einem Besuch der Tschechischen Republik unbedingt probiert werden.

Heiligabend, 1. und 2. Weihnachtsfeiertag

Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest beginnen in der Regel einige Wochen im Voraus. Großreinemachen, Plätzchenbacken, Geschenke kaufen - all dies sollte bis Heiligabend erledigt sein, damit die ganze Familie dann in Ruhe zu Abend essen und sich anschließend zu dem geschmückten Christbaum begeben kann.

Dem Menü an Heiligabend wird große Aufmerksamkeit gewidmet, bei den Vorbereitungen folgt man dabei Familienbräuchen. Auf der feierlich gedeckten Tafel wird meist zunächst eine Fischsuppe (manchmal auch Kartoffelsuppe) serviert und im Anschluss daran die Hauptspeise: panierter Karpfen mit Kartoffelsalat.

Karpfen essen viele Tschechen nur einmal im Jahr - eben an Weihnachten. Wenige Tage vor dem Fest kann man überall riesige Bottiche in den Straßen sehen, in denen Fische aus den berühmten Karpfenteichen im Süden Böhmens schwimmen. Der Karpfen muss aber nicht zwangsläufig auf dem Teller enden - man kann ihm am Heiligabend auch die Freiheit schenken. In vielen Familien mit Kindern eine Tradition, die heute freilich von Tierschützern kritisiert wird.

Auch der 25. und 26. Dezember sind sehr bedeutsame Feiertage, die ganz im Zeichen der Familienbesuche, festlicher Tafeln zu Mittag und Abend stehen. Meistens wird eine typisch tschechische Speise - Entenbraten mit Kraut und Knödeln (oder auch Gänsebraten oder Truthahn) serviert. Zu traditionellen Bräuchen gehört es, an den Weihnachtsfeiertagen in eine der Kirchen zu gehen, in denen schon seit dem Heiligen Abend die Krippe ausgestellt ist.

Traditionelle Weihnachtsbräuche: Bleigießen und Apfelschneiden

Heiligabend ist zwar ein bedeutender christlicher Feiertag, doch ihm werden auch magische Fähigkeiten zugeschrieben. zur Entwicklung dieser Fähigkeiten genügen einfache Methoden. Fischschuppen, die an Heiligabend unter den Teller auf der Tafel gelegt werden, bringen Glück und Geld für das ganze kommende Jahr.

Das Wahrsagen und Vorhersehen des Schicksals hat die Menschen immer angezogen und nach einem reichhaltigen Abendessen ist die rechte Zeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Zum Beispiel beim Bleigießen: Man gießt flüssiges Blei ins Wasser und aus der dabei gebildeten verfestigten Form werden die Ereignisse des nächsten Jahres prophezeit.

Bis zum heutigen Tag schneiden die Tschechen auch Äpfel durch und nach Form der Kerne sagen sie das Schicksal voraus. Sind die Kerne in einer Form des Kreuzes, soll Krankheit oder sogar der Tod kommen, ein Stern bringt Glück und Vermögen.

Themen: Weihnachten, Feiertage Tschechien, christliche Feiertage, Weihnachtsbräuche
Zuletzt aktualisiert: 21.2.2017

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