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| | Studium, Panorama | 14.11.2008

Der ultimative Small-Talk-Guide für Erasmus-Studenten

Ahoj, Bonjour, Holá und Guten Tag! Nicht wenige Studenten hängen der phantastisch-idealistischen Vorstellung nach, ganz im Sinne Goethes als „Weltbürger“ vom Ausland ins gemütliche deutsche Dorf zurückzukehren. Doch bis es soweit ist, lernt der Reisende neue Menschen, neue Kulturen, neue Sprachen kennen. Dabei ist es nicht immer einfach, den besten Zugang zu Rita aus Ljubljana, Ana aus der Toscana und dem französischen Hugo zu finden.

Es folgt also nun: Der ultimative Small-Talk-Guide für Erasmus Studentinnen und Studenten. Oder auch: Wie ich mich vom Autogeräusch zum Staatsoberhaupt durchfrage.

„Small Talk ist die Kunst an Wichtiges zu denken, während man Unwichtiges sagt.“ Und David Letterman hatte Recht! Es gibt Momente, die Erasmus-Studenten zusammenschweißen: Das Anstehen in Warteschlangen, die Zustände im Wohnheim oder der Morgen nach den elf Bieren in der Tourikneipe. Schnell ergibt sich eine gute Gelegenheit, internationale Freunde oder den Partner für die nächste Romanze zu finden.

„Hallo, ich bin Julia, ich studiere Publizistik und bleibe für ein Semester in Prag.“ Aha. Vielen Dank. Doch wie bricht man das erste Eis nach dem abgedroschen Wer, Wann, Wo – Geplapper?

Small-Talk! So manch einem schwarz gekleideten Intellektuellen mit lila Schal und Brille mag nun ein kalter Schauer über den Rücken jagen. Seichtes Geplauder übers Wetter oder den besten Kaugummi-Geschmack? Gruselig. Doch: Wer einer neuen Bekanntschaft gleich eine Diskussion über Heideggers Seinsfrage aufzwingt, der wird bald wieder alleine dastehen.

Die Kunst des kleinen Gesprächs liegt darin, beiläufig Erwähntes aufzugreifen, das Gegenüber zu verwickeln. Bis man an dem Punkt angelangt ist, wo man das Wichtige auspacken kann. “Oh, ich finde deinen Schal schön. Wo hast du den gekauft?” Oder auch: “Ach du bist aus Barcelona, da will ich unbedingt hin. Hast du einen guten Tipp zum Ausgehen?” Auch Traditionen, Sitten und Essen sind immer eine Unterhaltung wert. Über Knödel lässt sich streiten. Doch langsam nachtasten, was man im Land des anderen gerne verzehrt. Was sich weniger eignet: „Oh! You are from the USA? Your food is disgusting!“

Wer länger Zeit hat und ganz andere Kulturunterschiede ausfindig machen will, der darf auch ungewöhnliche Fragen stellen. Ein guter Tipp von meinem amerikanischen Freund: Frag’ nach Gewohnheiten, Geräuschen, Fernsehshows! Welches Geräusch macht eine Auto-Hupe? Honk honk? Tröt tröt? Türklingel? Wer bringt die Geschenke zu Weihnachten? Was macht ihr an Ostern? Wie klingt ein Frosch? Und die Ente? Die Kuh? Überraschend sind die Unterschiede, die sich finden lassen. Wer sich zu langweilen beginnt, der kann ja gerne den Grund dafür suchen, dass bei den meisten Deutschen Ente und Frosch gleich quaken.

Es sei gesagt – abseits allen Klischees – das es mit manchen Nationen nicht so einfach ist. Die Nordeuropäer beispielsweise sind eher zurückhaltend und man überfordere sie ja nicht mit zu viel Körperkontakt. Aber auch die Einsicht, dass bei Franzosen aus der Normandie eben vier Küsse notwendig sind, kann hilfreich sein.

Wer geographisch ein absoluter Nullpeiler ist, der schaue bitte noch mal kurz vorm Abflug in den Atlas, den er von Oma in der 5. Klasse geschenkt bekommen hat. Es kann unangenehm werden, wie meine Tschechisch-Lehrerin feststellen musste: „Also, du kommst doch aus Kasachstan. Wie sagt man das auf Kasachstanisch?“ Das man dort hauptsächlich Russisch spricht war ihr neu.

Mit ein wenig Geschick findet man immer Gesprächsstoff. Und nun, mein Geständnis, ich habe mich auch schon benommen wie der Golem im böhmischen Kristallladen. “Warum fährst du denn an Weihnachten nicht nach Hause?” fragte ich eine litauische Flurnachbarin entgeistert. Verlegen hat sie rumgedruckst. Den womöglich schweren Familienkrach wollte sie mir dann doch nicht anvertrauen. Small-Talk-technisch überfordert.

An das Wichtige denken, während man Unwichtiges ausspricht? - Wer sich mit seinem Gegenüber vertraut gemacht hat, der erforscht auch neue Territorien. Erasmus bietet die wahrscheinlich einmalige Chance, mehr über das politische System Estlands zu erfahren, sich über spanische Musik auszutauschen und gleichzeitig mehr über die eigene Herkunft zu lernen als je zuvor. Liebe Leserin, lieber Leser! Wo sind eure Erfahrungen und Tipps?

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