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| | Gastronomie | 8.12.2008

U Fleků: Augen auf!

Nach einigen Monaten in Prag erlebt mein Reiseführer ein unglückliches Dasein. Zwischen Lehrbüchern und Zettelwirtschaft findet mein in der Anfangszeit gut genutztes Büchlein immer häufiger seinen Platz im Regal. Vielleicht hätte ich dem Kapitel über Restaurants mehr Beachtung schenken sollen. Doch als ich ihn schließlich vor einigen Tagen zur Hand nehme, ist es schon zu spät: Ich bin in die Touristenfalle getappt.

Unter „pivnice“ – Bierkneipen werde ich fündig: U Fleků – älteste und berühmteste Prager Bierstube, gegründet 1499. Immerhin zwei von drei Sternen sahnt das Restaurant in der Neustadt ab. Sogar eine Tradition soll es geben, nach der jeder Tscheche in seinem Leben ein Mal nach U Fleků pilgern sollte. Im Sommer lockt das Restaurant gar mit seinem ganz besonderen Charme: „Am schönsten ist es draußen im Biergarten“ verrät mir mein Reiseführer. Eine nette Idee, jedoch im Winter vielleicht nicht ganz so ratsam.

Wir jedenfalls suchten uns einen Platz im Innern der urigen Kneipe. Schon beim Öffnen der Tür dringt mir Musik entgegen, die verdächtig den musikalischen Darbietungen bayerischer Volksmusiker ähnelt. Traditionsreiche Bierstube mit besonderem Charme? Ist das das wahre Prag? Und warum spricht hier niemand Tschechisch? Im Eingang begrüßen uns bereits die ersten Merchandising-Produkte, ein Kellner mit etwas maskenhaftem Lächeln heißt uns willkommen.

Wir finden an einem Tisch in einem Nebenraum Platz und greifen zu den eiligst herbeischafften Speisekarten. Zumindest der Abschnitt zu Getränken ist eigentlich nicht nötig. Noch bevor wir bestellen, steht die erste Runde Bier bereits vor uns auf dem Tisch, wer nicht rechtzeitig abwinkt, findet auf seiner Rechnung bereits den ersten Strich. Ich lehne dankend ab und bestelle eine Cola.

„Eines der süffigsten Biere, das nirgendwo anders in der Stadt gezapft wird“ verspricht die Beschreibung meines Reiseführers. Das starke dunkle Bier sagt den Biertrinkern in unserer Runde tatsächlich weitestgehend sehr zu, auch wenn der Preis den eines gewöhnlichen Bieres in Prag ziemlich übersteigt. Aber dafür ist es ja auch einzigartig…

Schon eilt ein weiterer Kellner auf unseren Tisch zu. Er scheint ein wenig muffelig. Bei ihm scheint der Touristenradar angesprungen zu sein: ohne große Überlegungen nimmt er die Bestellung auf Deutsch entgegen. Ein wenig müssen wir schreien, um gegen die typisch böhmische Musik aus dem Nachbarzimmer anzukämpfen

Nur Sekundenbruchteile später steigt mir ein süßlicher Geruch in die Nase, ein Kellner hält mir ein Tablett voller Becherovka vors Gesicht. Obwohl ich mehrfach verneine, bleibt er hartnäckig. „Tradition, Tradition“ brummelt er. Ich nehme den Schnaps, während ich beobachte, wie der Kellner zufrieden beginnt, unsere Getränkeliste mit neuen Strichen zu verzieren.

Die Musik wird immer lauter, eine amerikanische Reisegruppe am Nachbartisch hat dummerweise Gefallen gefunden an der immer penetranter werdenden Harmonikamusik. Immer wieder fragen die Musiker nach der Nationalität der Gäste, um dann mit einem passenden Lied aufwarten zu können. Wir behaupten, aus Neuseeland zu sein und werden mit einem breiten Grinsen und „Jingle Bells“ belohnt. Wir tragen die Situation mittlerweile nur noch mit Humor – vermutlich die bessere Alternative als schreiend aus dem Restaurant zu rennen. Das einige Zeit später gelieferte Essen ist in Ordnung, jedoch nichts Außergewöhnliches. Die Preise dafür aber schon.

Aus Interesse greife ich nach dem Besuch zu Hause in mein Regal und krame den Reiseführer hervor. „Tschechen trifft man hier außer der Bedienung kaum mehr an. Das Bier kostet das Doppelte wie anderswo. Busladung auf Busladung von Touristen stolpert herein, im Garten wird zu böhmischer Volksmusik geschunkelt“ – hätte ich nur vorher genau gelesen. Ich habe eben nicht nachgeschaut.

Meinem Reiseführer habe ich nun jedenfalls einen besseren Platz in meinem Zimmer zugestanden.

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