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| | Kultur | [field_blog_kategorie] | 10.6.2008

Zlín – eine Stadt im Filmfieber

Internationales Filmfestival für Kinder und Jugendliche

Das internationale Filmfest in Zlín, einer relativ kleinen, in Ostmähren gelegenen Stadt, ist nicht nur ein Filmfest für Kinder und Jugendliche, sondern auch eines mit ihnen, über sie und von ihnen. Neben dem Hauptprogramm (Filme, Filme, Filme, die übrigens alle kostenlos sind) gibt es ein Rahmenprogramm, das kreative Aktionen, live Musik, Seminare, psychologische Beratung, Ausstellungen und Preisverleihungen beinhaltet. Drei Tage habe ich mich durch die Film- und Fernsehwelt treiben lassen und war mehr als nur einmal überrascht, begeistert und betroffen.

In Olomouc, etwa achtzig Kilometer von Zlín entfernt, wurde ich von einem Fahrer abgeholt. Das hat mich beeindruckt und mir einen ersten Eindruck vermittelt, wie groß, wunderbar organisiert und professionell dieses traditionsreiche Festival durchgeführt wird, das in diesem Jahr zum 48. Mal stattgefunden hat. Im Hotel ging der Luxus weiter: zwei Zimmer und ein Bad mit riesiger Wanne, wieder nur für mich. Der Gedanke, dass ich hier zum Arbeiten hergekommen bin, kam mir zunächst absurd vor. Aber diese sollte sofort losgehen, mein erster Film würde in 15 Minuten beginnen.

Zlín ist nicht allzu groß, also entschied ich mich zu Fuß zu gehen, ich würde ja noch genug sitzen. Das Golden Apple Cinema ist das größte Kino der Stadt, direkt gegenüber vom Bata Schuhgeschäft, dem größten Schuhhersteller der Welt. Aber der in Zlín geborene Tomáš Bat’a war bei diesem Besuch nebensächlich. Ich wollte mir den „Goldenen Kompass“ ansehen, denn am nächsten Tag würde ich ein Interview mit der britischen Hauptdarstellerin Dakota Blue Richards haben und kannte den Film nicht. Der Saal war voll, doch zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich die Vorzüge eines Presseausweises kennen und zu schätzen: ich erhielt Einlass und einen Sitzplatz.

Zwei Stunden später sah ich mir gleich den nächsten Streifen an. Man sollte nicht meinen, wie anstrengend es sein kann, sich Filme im Akkord anzuschauen. Ich brauchte eine Pause, die mir mein Koordinator anbot: Er rief mich an, um mir mitzuteilen, dass mich um 21 Uhr ein Wagen vor meinem Hotel abholen würde, um mich zur V.I.P. Party im Schloss zu bringen. Unglaublich. Ich war aufgeregt: Bekannte tschechische Schauspieler und internationale Mediengurus, ich kannte niemanden. Zunächst stand ich also etwas verloren in der Runde, doch Party ist Party und nach dem ein oder anderen Drink waren alle entspannt und in Redelaune.

Am nächsten Tag dann ein ähnliches Programm: Filme, Musik auf dem Marktplatz, Disneyfiguren und Harry Potter beim Zauberlehrgang, alles begleitet von fröhlichem Kindergelächter. Da ich nun schon ein alter Hase war, wusste ich, dass ich nach zwei Filmen eine Pause brauchte. Die fügte sich ganz wunderbar mit meinem Interview um 13 Uhr zusammen.

Obwohl auch die 14jährige Schauspielerin ein wenig schüchtern wirkte, kann ich nicht verhehlen, dass ich etwas nervös den Raum betrat. Doch Richards überzeugte durch Professionalität, Reife, Intelligenz, Humor und war für ihr Alter unglaublich diplomatisch. Vielleicht hat sie einen kleinen Kurs belegt, wie man sich bei Pressekonferenzen und Interviews benimmt, aber wahrscheinlich ist sie eher ein Naturtalent und hatte Freude daran, über ihre Rolle und den Film zu sprechen.

Mir jedenfalls hat es viel Spaß gemacht und gut gelaunt bin ich mit dem Bus zur „Party im Unbekannten“ aufgebrochen. Das Unbekannte hat sich als Schloss Kroměříž entpuppt, ein Barockschloss mit Lustgarten und phantastischem Buffet. Leider sind diese Veranstaltungen nicht frei zugänglich wie alle anderen auf dem Festival, man braucht eine Einladung.

An diesem Abend habe ich mir noch einen Film aus der Reihe „nächtliche Horizonte“ angesehen. Eine Reihe mit sehr kritischen, anregenden, nachdenklichen und traurigen Filmen. Der von mir ausgewählte heißt „Schlechte Gewohnheiten“ von dem mexikanischen Regisseur Simón Bross. Ein Film über Schönheitsideale, Essstörungen und verwirrte oder verzweifelte Frauen und Mädchen. Nach diesem etwas verstörenden Film mochte ich nicht mehr ausgehen, mein Bett wartete.

Der letzte Tag brachte mir einen letzten Film, ein tschechisches Märchen aus dem Jahre 1974, und mein letztes Interview mit der Kinder- und Jugendjury zur Verleihung des Filmpreises in dieser Kategorie. Auch hier zeigte sich die Internationalität: Eine Tschechin, eine Italienerin und eine Ungarin erzählten mir davon, dass sie täglich drei bis vier Filme anschauen würden, die sie dann nach Handlung, Soundtrack, Regie, Aktualität und weiteren Kriterien beurteilen müssten. Alle waren begeistert von Stimmung, Programm und Organisation des Festivals.

Auf meinem Weg nach Olomouc ließ ich alles noch einmal Revue passieren. Und obwohl natürlich die Filme im Vordergrund standen, war es doch die gesamte Stimmung, die mich gefangen genommen hat. Fröhlich und ernst, ausgelassen und traurig, interaktiv und lehrreich. An erster Stelle stand für mich ganz klar das Miteinander, ein internationaler, kultureller Austausch, der vermutlich ein solches Festival erst möglich macht. Und dazu kommt eine einzigartige Betreuung und Organisation, so dass ich mir nicht eine Minute vorkam, tatsächlich allein dorthin gefahren zu sein. Die Einladung fürs nächste Jahr hängt jedenfalls schon über meinem Schreibtisch.

Externer Link: www.zlinfest.czwww.zlinfest.cz
Bildnachweis:
Georgina
Zlín Film Festival
Filmová 174
761 79
Zlín
Region Zlín (Zlínský kraj)
Tschechische Republik
festival@zlinfest.cz
+420 577 592 275

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