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Tschechien OnlineTschechien Online | Rubrik: Panorama | 28.9.2005
Beschimpfungen im Puff-Jargon, Handgemenge, Tritte, ausgerissene Haare, Faustschläge

Prag - Neben weiterhin enttäuschenden Zuscherzahlen bereiten dem tschechischen Privatsender TV Nova nun auch noch die eigenen Kandidaten sorgen. Deren Verhalten entgleitet zusehends der Kontrolle des Senders.

Im Big Brother-Haus entladen sich die seit Tagen eskalierenden Spannungen zwischen den weiblichen Bewohnerinnen einerseits und den männlichen Container-Insassen inzwischen auch in physischer Gewalt.

So kam es am Montag Abend zu einer regelrechten Prügelei zwischen der erst nachträglich in das Haus geschickten 22-jährigen Oksana und der 20-jährigen Sylva. Vorausgegangen waren tagelange gegenseitige Provokationen der beiden Mädchen mit Milieu-Erfahrung.

„Ich bringe dich um, du Schlampe!“

So reichte ein banaler Anlass, um einen hysterischen Wutausbruch der beiden herbeizuführen. Was mit wüsten Beschimpfungen der biestigen Bewohnerinnen begann, mündete schnell in Handgreiflichkeiten, die an einen professionellen Catch erinnerten. Nur mit Mühe und erst durch beherztes Eingreifen von Muskelpaket David, mit Spitznamen „Shrek“, konnten die beiden ineinander verkrallten Damen getrennt werden.

Die Kandidatinnen, die sich gegenseitig als „Nutten“ geschmäht hatten, erhielten am nächsten Morgen vom „Großen Bruder“ TV Nova die gelbe Karte. Sollte sich ein ähnlicher Vorfall wiederholen, würden beide augenblicklich vor die Tür gesetzt, erklärte der Sender. Am vergangenen Sonntag war bereits Sportlehrer Jaroslav wegen eines Regelverstoßes nach Hause geschickt worden.

Pikant an dem handgreiflichen Eklat, der an St. Pauli und Straßenszenen auf der Reeperbahn erinnert: Oksana Korotchuk aus Ostrava, die ihrem Kandidatenprofil gemäß Friseurin ist, soll nach Informationen von tschechischen Boulevardzeitungen tatsächlich als Prostituierte in Prag gearbeitet haben. Und auch Sylva Ondrušíková hat professionell mit Sex zu tun. Ihrem offiziellen Kandidatenprofil nach arbeitet sie im Bereich „erotischer Live-Chat“ und wie Boulevardzeitungen wissen wollen, ist sie auch vor der Kamera in Porno-Produktionen tätig.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Tatsache, dass sich die männlichen Bewohner ihren Kandidatenprofilen nach vornehmlich mit Bodybuilding und Kampfsport beschäftigen, in neuem Licht. War ihnen vom Sender gar die Rolle der Ordnungshüter von der Davidswache zugedacht, wie am Montag, als - David - dazwischen langte?

Vom Freund und Helfer zum Bullen

Doch auch diese Rechnung wäre wohl ohne den Wirt gemacht: 99 Kilo Testosteron gesteuerte Muskelmasse, die 1,84 Meter hoch in den Himmel ragen, eignen sich nur begrenzt als verlässlicher Freund und Helfer, da sie bei entsprechender Hormonzufuhr auch schnell die Gestalt eines Wut schnaubenden Bullen annehmen.

So beförderte der zum Shrek mutierte David seinen Namensvetter, den schönen Neuling, nur einen Tag nach dem Gewaltausbruch am Montag mit einem Fausthieb vor die Brust zwei Meter weiter in die Badezimmerecke. Ursache für den animalischen Wutausbruch war eine harmlose Tändelei des neuen Schönlings mit der ebenfalls schönen Lena. Die wiederum gehört inzwischen ganz dem ebenfalls gut gebauten Filip.

Und hätte diesmal nicht umgekehrt das weibliche Geschlecht um Mäßigung gefleht und sich zwischen die Kampfmaschine Shrek und den perplexen David gestellt, hätte die erst Sonntag eingezogene selbsternannte „Sex-Fabrik“ wohl für einige Tage technische Wartung nötig gehabt.

So bleibt die Erkenntnis, dass man sich im realen Leben mit Menschen, die wie Türsteher und Zuhälter aussehen, am besten vorsichtshalber schnell anfreundet, oder aber ihnen aus dem Weg geht. Der Fernsehzuschauer hats noch einfacher, er braucht nur das Programm, nicht die Straßenseite zu wechseln.

Im Kampf gegen die weiterhin miserablen Quoten verschärft TV Nova unterdessen die Spielregeln für die Kandidaten und nähert sich immer weiter dem in Tschechien überaus erfolgreich laufendem Konkurrenzprojekt VyVolení (R(A)usgewählt) an, einer Art Big Brother-Plagiat, das aus Ungarn stammt.

So gab der Sender am Mittwoch bekannt, dass die Nominierung der herauszuwählenden Kandidaten künftig für die Mitbewohner direkt in das Wohnzimmer übertragen werde, also die Bewohner künftig wissen, wer wen mit welcher Begründung zur Rauswahl nominiert hat.

Casting bei TV Nova: zu viele Porno- und Erotik-Seiten gesichtet?

Als Konsequenz des fulminanten Fehlstarts von Big Brother in Tschechien hatte Nova bereits die verantwortliche Produzentin entlassen und mehrmals die Regeln der Reality-Show verändert. Unter anderem wurde der Nominierungszyklus von zwei Wochen auf eine verkürzt und die positive Stimmabgabe für die Kandidaten eingeführt. Genau so, wie es vom "kleinen Bruder", dem Konkurrenzsender TV Prima, bei VyVolení vorgemacht wird.

Der Hauptgrund für den Misserfolg von Big Brother in Tschechien liegt wahrscheinlich aber wohl eher in Fehlern beim Casting, die im Nachhinein kaum noch zu korrigieren sind. Im Hinterzimmer von TV Nova wurden da offensichtlich falsche Prioritäten gesetzt, die an den Erwartungen eines Großteils des Publikums vorbeigehen.

Anders verlief das Casting bei Prima. Dort wurde das Publikum schon vor dem Start der eigentlichen Non-Stop-Show in den Auswahlprozess einbezogen. Das Fernsehpublikum selbst wählte sich aus einer vom Sender vorgeschlagenen Vorauswahl von Kandidaten seine Bewohner in die VyVolení-Villa hinein. Ein solches Korrektiv fehlte bei TV Nova dagegen.

Nun sollen die Zuschauer nachträglich das richten, was das Casting verbockt hat. Alle drei gewalttätigen Kandidaten wurden wegen Regelverletzung - keine Gewalt – vom Sender zur Rauswahl nominiert.

Ein vergleichsweise milde Strafe, wird sich womöglich der geschasste Kandidat Jaroslav vor dem heimischen Bildschirm denken. Der hatte dummerweise brühwarm Neuigkeiten ausgeplaudert, die ihm eine Krankenschwester bei einem Arztbesuch außerhalb des Containers souffliert hatte - und musste daher am Sonntag ohne Chance auf Bewährung sein Köfferchen packen. (nk)

Themen: Reality-Shows, Big Brother, TV Nova
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