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| | Gesellschaft | 28.2.2008

Und man trifft sie doch

Anstatt in die vierstöckige Mecca-Disko zu gehen, wo die Cocktails für Damen mittwochs bis Mitternacht gratis sind und sich die Stars und Sternchen der Prager Szene treffen, entschieden wir uns dazu, einen „real Czech place“ in Žižkov aufzusuchen. Es handelte sich um eine verrauchte, rustikal eingerichtete Kneipe, in der die Bierpreise noch stimmen. Und siehe da, es schienen wirklich fast nur Einheimische dort zu sein. Drei Tschechen haben wir getroffen („getroffen“ soll hier mal nicht nur gesehen, sondern auch “miteinander geredet” heißen):

Der erste war unser Kellner. Nachdem wir gerade zwei Minuten am Tisch saßen, wollte er unsere Bestellung aufnehmen. Als wir ihm diese nicht direkt mitteilen konnten, da auf dem Tisch nur eine Karte stand und wir zehn Personen waren (wozu auch eine Karte, wenn alle Pivo trinken!?), hat er den Tisch wieder verlassen und sollte so schnell auch nicht wiederkehren. Als wir dann doch endlich bestellen wollten, half alles Winken und wildes Gestikulieren überhaupt nicht. Trotz der Tatsache, dass drei Leute hinter der Theke standen und nicht gerade viel zu tun hatten, ließ man uns lange warten… Es war nicht das erste mal, dass sich ein Kellner so verhält und einen spüren lässt, dass man fremd und unerwünscht (?) ist. Ist es, weil man sein Bier nicht auf Englisch bestellen kann? Oder weil man als Fremder eindringt, in den Kreis der Stammkunden und die private Atmosphäre? Es scheint auch die seltsame Angewohnheit zu geben, einem Teller und Glas unter der Nase wegzunehmen, bevor man Speis und Trank überhaupt vollständig zu sich genommen hat. Warum gerade die Kellner so reagieren?

Der zweite Einheimische saß in der Kneipe am Tisch neben uns. Als uns wohl anhand der fremden Sprache und des Aussehens als Ausländer identifiziert hatte, setzte er sich zu uns, fragte nach einer Zigarette und wollte wissen, woher wir kommen. Es war offensichtlich, dass er ein Gespräch mit uns suchte und aufrichtig interessiert war, was mir sehr sympathisch war. Zustande gekommen, ist es nicht, da er leider nicht so gut Englisch und wir kein Tschechisch sprachen. Überhaupt kommt es sehr sehr häufig vor, dass man einfach angesprochen und gefragt wird, woher man denn sei, was einen nach Prag verschlagen habe und ob man gerne hier sei…

…so auch auf der Rückfahrt in der Metro von dem dritten Tschechen. Ebenfalls ein netter Kerl. Ich bin bisher fast kein einziges Mal mit der Tram heimgekehrt, ohne dass mich jemand angesprochen hätte. Dabei stets freundlich, überhaupt nicht aufdringlich und fragend, ob man eine Frage stellen und stören dürfe. Wie es wohl sein muss, andauernd von Leuten aus dem Ausland umringt zu sein? Ich wüsste nicht, dass ich in der Mainzer Straßenbahn ein einziges Mal jemand gefragt hätte, woher er denn sei. Sieht man von all denen, die in der Gastronomie arbeiten, einmal ab, dann scheint es doch so etwas wie Gastfreundschaft zu geben. Wobei ich auch nach dem heutigen Abend bei Weitem nicht sagen kann, ich hätte einen Einheimischen kennen gelernt.

Man trifft sie aber also doch, die Tschechen: Wenn man die üblichen Pfade verlässt, ein weniger schickes Kneipen-Interieur in Kauf nimmt und sich auf Grund der Sprachunterschiede auf ein vielleicht eher schleppendes Gespräch einlässt.

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