Bohem Prague Hotel

Blogs

Blogs

Der Autor

2008 jähren sich zum 40. Mal jene Ereignisse, die allgemein unter der Chiffre "1968" subsumiert werden. Das aber steht im Gegensatz zur Heterogenität der historischen Ereignisse und zur Vielfalt ihrer Deutungsmöglichkeiten.

Seit Anfang des Jahres wird in den Medien und in der Öffentlichkeit erinnert, gestritten, polemisiert und glorifiziert. Es ist Zeit für einen Zugang, der der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des Themas gerechter wird.

Ein Projekt von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes; Centrum experimentálního divadla/Divadlo Husa na provázku (Zentrum für experimentelles Theater/Theater Die Gans an der Schnur, Brünn); Divadlo Archa (Archa Theater, Prag); Kampnagel, Hamburg; Sophiensaele, Berlin; Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Im Internet: www.68-89.netwww.68-89.net
Bildnachweis:
68-89.net

Weitere Beiträge dieses Autors

Im Frühjahr 1968 kam es zunächst in Prag, dann in West-Berlin zur Begegnung und Gedankenaustausch von Studenten aus beiden Städten. Štěpán Benda erinnert sich.
| | Gesellschaft | 26.9.2008

Das Jahr 1968 - eine sexuelle Interpretation

Der Publizist und Kulturkritiker Jiří Peňás untersucht im Zusammenhang mit den Diskussionen im »Kabinett Topol« während des Themenabends »crossing 68/89« die Tragfähigkeit des Begriffs »Kinder des Jahres 1968«.

Ich weiß nicht, ob es besonderen Grund zum Stolzsein gäbe, wenn wir tatsächlich die »Kinder des Jahres 1968« wären. Wir – ein, zwei Jahre über die vierzig hinaus – sind jedoch überwiegend Kinder unserer Eltern, wobei jeder, soweit ich weiß, jeweils andere Eltern hatte. Das Jahr 1968 haben wir aus der Insektenperspektive verfolgt. Den Machtantritt von Dubček kriegten wir, glaube ich, gar nicht mit. Den Prager Frühling erkannten wir an der größeren Anzahl von Regenwürmern, die wir uns in einem unbeobachteten Moment ins Mäulchen stopften. Unsere erste Konfrontation mit den Ereignissen der großen weiten Welt war der Einmarsch der russischen Armee, der ein wenig märchenhaft wirkte, wie wenn auf der Erde ein Zauberer oder ein Drache oder so etwas in der Art auftaucht. Eine fast schon krankhafte Vorstellungskraft hat sich übrigens bei einem der hier Anwesenden manifestiert, dem Schriftsteller Jáchym Topol.
Was mich angeht, bei mir war das ein bisschen anders. Die Nachricht von der sowjetischen Okkupation erreichte mich auf dem Töpfchen. Ich saß gerne und lange, denn ich hatte mich noch nicht aus der analen Phase in die genitale vorgearbeitet. Voll und ganz konzentrierte ich mich auf die libidinösen Gefühle, die mir das Sitzen auf dem Töpfchen bereitete, ich war wohl in einem Zustand seliger Meditation, dachte an Käfer, die ich quälen würde, und auch an Abfälle, in denen ich herumwühlen und darin zum Beispiel eine Rouladennadel finden würde. Meine Oma (Ich war zu der Zeit bei meiner Großmutter in einer Stadt in Mähren.) machte Nudeln, die mein Opa so gerne aß. Am Morgen hatte der sich tapfer auf den Weg in die Stadt gemacht, denn er hatte vom Einmarsch der Russen wie alle aus dem Radio erfahren. Als er wieder da war, setzte er sich auf die Couch und sagte: »So, nu san’s da, de Russen.« Die Panzer wälzten sich von Norden her auf die Stadt zu, von der polnischen Grenze, wo sich Truppenverbände schon seit dem Frühjahr zu einer Intervention bereit gemacht hatten. Ich gehe davon aus, dass ich in diesem Moment mein Geschäft beendete, was Opa und Oma riechen konnten. Mir wurde Hilfe und eine Basisbetreuung beim Aufstehen vom Töpfchen zuteil, und mein Häufchen spülte Oma dann im Klo runter.
Der Zusammenhang zwischen meinen Ausscheidungsvorgängen und der Nachricht von der Ankunft der Russen hatte später bedeutsamen Einfluss auf die Herausformung meiner persönlichen Beziehung zur Geschichte, zur Heimat und zu Autoritäten. Die Verbindung von Hohem und Niedrigem, in diesem Falle wortwörtlich von Fäkalien und nationaler Tragödie, hat in mir einen dauerhaften Konflikt ausgelöst: Ich fühle mit meinem Volk – und doch auch wieder nicht. Es ist mir gleichgültig – und ich bin bereit mich für dieses Volk zu schlagen. Ich scheiß drauf – und ich liebe es auch. Der russische Einmarsch beschleunigte meine Darmperistaltik, und so werde ich nie wieder in der Lage sein, mein Slawentum in einem anderen Kontext als dem des Stuhlgangs wahrzunehmen. Das also ist der Abdruck, den das Jahr 1968 in meinem persönlichen Unterbewussten hinterlassen hat.
Doch stellen wir uns vor, wir seien tatsächlich die kollektiven Früchte jenes Jahres. So müssen wir uns fragen, mit wem dieses Jahr 68 in andere Umstände gekommen ist, oder mit anderen Worten: mit wem der Beischlaf vollzogen wurde.
Selbstverständlich bietet sich hier eine simple Metapher an, in der unsere Heimat als Vagina auftaucht. (Übrigens ähnelte die Tschechoslowakei mit ihrer langgestreckten Form tatsächlich dem weiblichen Geschlechtsorgan.) Und in diese Vagina drang am 21. August der Eisenpenis der Warschauer Vertragsstaaten ein, genauer gesagt: Es war ein russischer, sprich: sowjetischer Penis, also ein »chuj«. Wir wissen zudem genau, dass dies eine Penetration gewaltsamer Art war – der Topos von der »Vergewaltigung des Prager Frühlings« gehört übrigens zu den am häufigsten benutzten. Das Ganze passierte zudem in der Nacht, ohne Vorwarnung, mit offenem Hosenstall und erhobenen Hauptes. Die Heimat hatte sich’s in ihrem eigenen Bett bequem gemacht, war zugedeckt mit Augustdunkelheit, ihre Träume waren zwar ein wenig wild, aber sie schlief tief und fest und atmete gleichmäßig. Der Übeltäter drang direkt in ihre Gebärmutter ein; aus den Flugzeugen, die eins nach dem anderen auf dem Prager Flughafen Ruzyně landeten, quollen russische Panzer hervor wie Spermien; und schon näherten sich von den Grenzen her Kolonnen, die den Leib des Landes innerhalb kurzer Zeit fesselten, sodass der Kerl nach einer Weile machen konnte, was er wollte. Man muss sagen, dass sich die Heimat zumindest in der Anfangsphase ein wenig wehrte, sie zuckte, riss die Arme in die Luft oder bemühte sich, den Vergewaltiger wenigstens verbal zu überzeugen. Vom Charakter her ist sie jedoch nicht eben standhaft, zudem hat ein Teil ihres Naturells masochistische Neigungen, und eine gewisse Art von Erniedrigung gefällt ihr wohl sogar auch. Dieses perverse Verlangen, sich beim Angreifer beliebt zu machen und jedem seiner Wünsche zu entsprechen, überwog dann jahrelang.
Sexistischen Vorurteilen zufolge sind übrigens Frauen selbst an Vergewaltigungen schuld, denn sie verhalten sich herausfordernd, provozieren den Gewalttäter oder verführen ihn schlicht dadurch, dass sie überhaupt existieren. Diese Ausreden benutzte dann unser Vergewaltiger nach seiner Tat auch oft, wobei er in gewisser Weise Recht hatte: Es war tatsächlich vor seiner Attacke zu bestimmten Unzüchtigkeiten gekommen. Zum Beispiel öffnete in Prag zum ersten Mal eine Striptease-Bar ihre Türen, und es gibt ein Foto von Alexander Dubček, auf dem er in Badehosen posiert, wodurch die homosexuelle Komponente in der Persönlichkeit des Aggressors angesprochen wurde. Eine weitere Quelle für die Überzeugung des Perverslings, ein Recht darauf zu haben, unsere Heimat zu schänden, war die Tatsache, dass ihm die vergewaltigte Person zuvor schon viele Jahre lang freiwillig und vielleicht sogar aus einem Gefühl von Verliebtheit heraus als Hure zu Diensten gewesen war, es nun aber aus irgendwelchen emanzipatorischen Gründen ablehnte, ihm diese regelmäßige Befriedigung zu gewähren, und sich sagte, dass sie versuchen würde, sich für eine Weile mit sich selber zu beschäftigen. Naiv wog sie sich in dem Glauben, dass der russische Hengst das so zur Kenntnis nehmen und in der Stille seiner asiatischen Steppen ein wenig vor sich hin onanieren würde. Irrtum! Der Hengst war damals noch bei Kräften, er war ganz sicher eroberungswütig und potent, seine mächtige Umarmung kraftvoll und sein eiserner Penis gestählt.
Die Frucht seines Eindringens waren jedoch nicht wir, sondern die so genannte Normalisierung. Dabei handelte es sich um eine besondere Geschlechtskrankheit, die den Körper der befallenen Frau und Heimat ganze zwanzig Jahre in ihren Fängen hielt. Es war keine tödliche Krankheit und die Ansteckungsgefahr blieb lediglich auf das Gebiet des eigenen Volkes begrenzt. Die Symptome waren eher unappetitlich und widerwärtig als schmerzhaft oder gar besonders quälend. Es hat nur ein wenig gestunken, ziemlich unangenehm gejuckt und auf der Haut bildete sich ein hässliches Ekzem, dessen Spuren bis heute sichtbar sind.
Wir jedoch sind auf diesem zuerst vergewaltigten und dann infizierten Körper aufgewachsen, wobei wir sagen müssen, dass es sich dabei um einen Rückfall handelte: Zum ersten Mal war die Krankheit nämlich bereits in den Fünfzigerjahren ausgebrochen, doch ging es damals um eine mehr oder weniger freiwillige Infektion. Wir hatten nun in diesen Verhältnissen das Alter der biologischen Reife erreicht, waren etwas über zwanzig, als die Krankheit die akute Phase überwand. Der Vergewaltiger und auch die Infektionsquelle brachen zu jener Zeit von selbst in sich zusammen, von ihrer eigenen Syphilis vollkommen durchsetzt. Für uns ging das Ganze relativ gut aus, wodurch in der Gesellschaft das Gefühl vorherrschte, dass wir eigentlich nie an einer Krankheit gelitten haben. Das ist natürlich ein Irrtum und Folge dessen, dass die Krankheit hauptsächlich das Hirn in Mitleidenschaft gezogen hat. Einen Hang zur Idiotie hatten die Tschechen schon immer, es gab allerdings Zeiten, in denen sie es verstanden, das intelligent auszunutzen. Nach zwanzig Jahren Normalisierung war jedoch vor allem die Idiotie übrig geblieben.
Andererseits sollten für uns, die ungewollten und unechten Kinder des Jahres 68, die gesundheitlichen Komplikationen unserer Jugend auch etwas Gutes haben. Vielleicht die Tatsache, dass ihr, liebe deutsche Freunde, euch so um uns sorgt. Wie kommt das wohl? Aber darauf müsst ihr schon selbst eine Antwort finden.

Von Jiří Peňás

Auch interessant