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Der Autor

Stanislav Beran ist freier Journalist und Korrespondent mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur. 

Als Auslandskorrespondent berichtet er aus dem Isergebirge für verschiedene Zeitungen und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum.

Er ist Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache, Herausgeber der Friedländer Zeitung und Heimatforscher.

Auch die Website https://friedlandinbohmen.jimdo.com, auf der man Informationen zur Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Friedland in Böhmen und die vielseitige Geschichte des Landes unserer Ahnen finden kann, wurde von ihm erstellt.

Für den Blog auf Tschechien Online schreibt er seit April 2015.

Im Internet: friedlandinbohmen.jimdo.comfriedlandinbohmen.jimdo.com
Bildnachweis:
Stanislav Beran

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| | Politik | 2.9.2022

Erinnerungen an den 21. August 1968

Bärnsdorf an der Tafelfichte gedenkt des Endes des Prager Frühlings vor 54 Jahren.
  • Beschädigtes Haus in Bärnsdorf, August 1968. Quelle: Helena Šeflová
  • Panzer in Heinersdorf. Quelle: Gemeinde Heinersdorf
  • Beschädigtes Haus in Bärnsdorf, August 1968. Quelle: Helena Šeflová
  • Tomáš Pravda installiert eine Infotafel
  • Eröffnungsrede von Frau Doubková
  • Eröffnungsrede von Mgr. Marek Dlouhý

Die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten (Albanien, Bulgarien, ČSSR, „DDR“, Polen, Rumänien, UdSSR und Ungarn) begann in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968. Über die Grenze rollten auf den Straßen Militärkolonnen ins Landesinnere. Es dauerte nur wenige Minuten, und jedem war klar, dass da etwas nicht stimmte. Die Bewohner der Dörfer und Städte wurden nicht nur durch den Lärm der Panzer geweckt, sondern auch durch den Lärm der Bomber und Transportflugzeuge, die im Tiefflug über das Land flogen. In der Region Friedland wurde die Invasion von Einheiten der Nordgruppe der sowjetischen Armee in Polen durchgeführt.

Ein endloser Konvoi von Panzern, Panzerwagen und Militärfahrzeugen der Besatzer näherte sich von Zittau über Grottau, ein weiterer von Heinersdorf an der Tafelfichte und einer von Ebersdorf über Friedland nach Reichenberg und weiter nach Prag. Panzer der Besatzungsmächte übernahmen bald die Kontrolle über das ganze Land. Die Invasion beendete die entspannte Atmosphäre des Prager Frühlings und die Träume der Bewohner der Tschechoslowakei von einem freieren Leben und der Rückkehr einer Demokratie. Um Mitternacht begann einer der dunkelsten Tage in der tschechoslowakischen Geschichte.

In diesem Moment begannen Panzer, Flugzeuge und Militärfahrzeuge die Grenzen der Republik zu überqueren. Die Militäraktion „Donau“ wurde nach 24 Stunden beendet. Das Land war besetzt. Das war auch das Ende des sogenannten Prager Frühlings. Die Tschechen und Slowaken wollten mehr Freiheit, aber das gefiel den Machthabern in Moskau nicht. Die Antwort war die russische Okkupation, der Tod unschuldiger Menschen und die zerstörte Zukunft von mehreren Generationen. Vor 54 Jahren demonstrierte die Sowjetunion, dass ihr alles, was Freiheit bedeutet, fremd ist. Damals behauptete die sowjetische Propaganda, es handele sich um sozialistische Bruderhilfe. Die Tschechoslowakei wurde von 750 000 Soldaten, 800 Flugzeugen und 6300 Panzern besetzt. Die russische Okkupation dauerte bis 1989. 

Die Familie Bílek aus Bärnsdorf an der Tafelfichte wird den 21. August 1968 nie vergessen. Sie erlebte den Einmarsch am eigenen Leib, als ein russischer Panzerwagen in ihr Haus fuhr und die Küche zerstörte. Sie lebte damals im Haus Nr. 185 an der Hauptstraße, aus dem die deutschen Einwohner 1945 vertrieben worden waren. Auf der linken Seite des Erdgeschosses befand sich die Küche, die beim russischen Einmarsch Ziel eines sowjetischen Panzerwagens wurde.

„Die ganze Nacht hindurch hörten wir erst das Brummen der Flugzeuge, dann das Rattern der Panzer. Wir glaubten, dass es sich nur um eine militärische Übung handelte, aber es wurde uns langsam unheimlich“, sagt Helena Šeflová, geborene Bílková, damals 19 Jahre alt. Die Panzer und Panzerwagen fuhren von Heinersdorf nach Bärnsdorf und mussten am Haus der Familie Bílek abbremsen, um zur Bachbrücke zu gelangen.

„Einer der Panzerwagen hat jedoch vor der Brücke nicht gebremst und fuhr direkt in unser Haus. In der Küche blieb er stehen. Kurz davor stand ich in der Küche am Fenster und sah mir die Panzerkolonne an. Dann rief mich meine Mutter, ich solle lieber gehen und das Gras für die Kaninchen vorbereiten. Sie hat mir das Leben gerettet“, sagte Helena Šeflová. Ihr Vater saß zu dieser Zeit am Küchentisch und trank Kaffee. 

Nach dem ersten Schluck kam ein schrecklicher Schlag. Die Küche war sofort in eine dichte Staubwolke gehüllt, und er wurde von mehreren Mauersplittern am Kopf getroffen. Aus der Staubwolke tauchte ein monströser Panzerwagen vor ihm auf. Bevor er fliehen konnte, kämpfte sich das gepanzerte Fahrzeug aus den Trümmern und riss die Decke und einen weiteren Teil der Außenwand aus Ziegelsteinen ein. Der Soldat stieg aus, murmelte etwas, stieg wieder ein und fuhr mit den Resten des Fensterrahmens und mit den Ziegeln aus der ausgebrochenen Wand davon. Bevor die Hauswand einstürzte, gelang es dem Vater, wegzulaufen.                                            

Die Familie überlebte wie durch ein Wunder. Auf der russischen Seite ist von einem leblosen Soldaten die Rede, der von den Besatzern mitgenommen worden sei und über dessen Schicksal nichts bekannt ist. Einige Stunden zuvor und einige Kilometer weiter hatte eine andere russische Besatzung den Panzer Nr. 314 nicht unter Kontrolle und fuhr mit ihm plötzlich in die Arkaden auf dem Marktplatz vor dem Rathaus in Reichenberg, wo mehrere Tote und Verwundete unter den Trümmern zurückblieben.

Die Vorderseite des Gebäudes stürzte ein. Ein weiteres Opfer war Helenas Freund aus dem Tanzkurs, Zdeněk Dragoun, der zu den ersten Opfern in Reichenberg gehörte. Der 19-jährige Dragoun fotografierte die russischen Okkupanten von dem Baugerüst am Reichenberger Rathaus aus. Als er die einrückenden Truppen fotografieren wollte, schoss ihm einer der russischen Soldaten fünf Kugeln aus einer Kalaschnikow in den Rücken. Er starb noch im Krankenwagen. Die Invasion vom 20. auf den 21. August 1968 forderte in Reichenberg neun Tote und 45 Verletzte. 

Helena Šeflová hat Kontakt mit Siegfried Elstner, dem Sohn des ehemaligen deutschen Hausbesitzers, der nach dem Krieg seine Heimat verlassen musste und vertrieben wurde. Als er damals von dem traurigen Schicksal seines ehemaligen Hauses erfuhr, schickte er ihr ein handgemaltes Bild von seinem Haus in Bärnsdorf. Was ist heute von der ehemaligen Bäckerei, dem Gasthaus und der Fabrik, die an der damals belebten Kreuzung standen, übrig geblieben? Überhaupt nichts.

Beide Gebäude wurden vor vielen Jahren abgerissen. Auch das Haus, das in der Vergangenheit der Familie Elstner gehörte, musste wegen weiterer Schäden, die durch die Erschütterungen der vorbeifahrenden Panzer verursacht worden waren, abgerissen werden. Heute befindet sich an dieser Stelle nur eine kleine grüne Wiese.

Am Samstagabend, 20. August wurde anlässlich des 54. Jahrestags an der Stelle, an der das Haus stand, eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Die Besucher versammelten sich an diesem historisch außergewöhnlichen Ort, um der furchtbaren Ereignisse vom August 1968, aber vor allem, um der Opfer zu gedenken. Zur Erinnerung wurde vorläufig eine kleine Gedenktafel angebracht, die in der nächsten Zeit durch eine größere ersetzt werden wird.

Diese Gedenkveranstaltung wurde vom Verschönerungsverein Bärnsdorf-Wünschendorf, den Jana Doubková leitet, sowie von dem Reichenberger Gymnasiallehrer Marek Dlouhý und Tomaš Pravda, die sich für die Historie interessieren, organisiert. Zunächst befestigte Tomaš Pravda die Infotafel. Dem folgten die Eröffnungsreden von Jana Doubková und Marek Douhý. Blumen wurden niedergelegt, eine Kerze angezündet und eine Schweige-minute für die Opfer der Invasion von 1968 abgehalten. Nach der Gedenkfeier begab sich die Gruppe der anwesenden Bürgerinnen und Bürger aus Bärnsdorf und Umgebung in die nahe gelegene Gaststätte, wo diese traurigen historischen Ereignisse ausführlich durchdiskutiert wurden.     

Insgesamt gab es bei der Okkupation der Tschechoslowakei bis Ende 1968 137 Tote, etwa 500 Schwer- und Hunderte Leichtverletzte. Nachdem die Russen die Tschechoslowakei besetzt hatten, setzte eine Emigrationswelle ein, in deren Verlauf bis Ende 1969 fast 104 000 Menschen die Republik verließen. Zwischen 1969 und 1989 emigrierten durchschnittlich 10 000 Personen pro Jahr, insgesamt eine Viertelmillion Menschen aus allen sozialen Schichten. Davon waren 24 Prozent Kinder und 41 Prozent Personen im Alter zwischen 16 und 30 Jahren. Die meisten fanden ihr neues Zuhause in Westeuropa.

Nach dem Jahr 1989 hatte sich niemand träumen lassen, dass sich solche Gräueltaten in Europa wiederholen könnten. Doch leider sind wir seit einem halben Jahr Zeugen der russischen Aggression gegen die Ukraine.                                              

Bildnachweis:
Farbfotos: Stanislav Beran

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