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Der Autor

Stanislav Beran ist freier Journalist und Korrespondent mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur. Nach seinem langjährigen Aufenthalt in München lebt er in Tschechien.

Als Auslandskorrespondent berichtet er aus dem Isergebirge für verschiedene Zeitungen und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum.

Er ist Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache, Herausgeber der Friedländer Zeitung und Heimatforscher.

Auch die Website https://friedlandinbohmen.jimdo.com, auf der man Informationen zur Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Friedland in Böhmen und die vielseitige Geschichte des Landes unserer Ahnen finden kann, wurde von ihm erstellt.

Für den Blog auf Tschechien Online schreibt er seit April 2015.

Im Internet: friedlandinbohmen.jimdo.comfriedlandinbohmen.jimdo.com
Bildnachweis:
Stanislav Beran

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| | Politik | 3.7.2019

Opfer des Kommunismus in der Tschechoslowakei

  • Reichenberg, 26.6.2019: Primator Jaroslav Zámečník am Denkmal
  • Jaroslav Zámečník und Martin Půta
  • Vertreter des Rathauses
  • Vertreter der Reichenberger Kaserne

Seit 2004 gilt in der Tschechischen Republik der 27. Juni als Tag des Gedenkens an die Opfer des Kommunismus. Auf den Tag genau vor 69 Jahren, wurde die tschechoslowakische Politikerin, Widerstandskämpferin und Journalistin Milada Horáková in Prag hingerichtet. Nach einem politischen Schauprozess, der von dem kommunistischen Regime in Prag inszeniert wurde, endete ihr Leben und das Leben der weiteren drei Angeklagten, Jan Buchal, Záviš Kalandra und Oldřich Pecl am 27. Juni 1950 am Galgen. Dieser Prozess war kein Einzelfall. Es folgten weitere Schauprozesse, bei denen Hunderte von unschuldigen Menschen verurteilt wurden und den Tod fanden.

An diesem Tag wird nicht nur an die Menschen erinnert, die nach politischen Prozessen eingesperrt und getötet wurden aber auch an diejenigen, deren Leben durch die kommunistische totalitäre Gewaltherrschaft zerstört wurde.

Am 26. Juni 2019 wurde auch in Reichenberg an die von den Kommunisten verfolgten und ermordeten Opfer erinnert. Am Denkmal wurden Blumen niedergelegt. Die Gedenkfeier am Denkmal für die Opfer des Kommunismus wurde von der Stadt Reichenberg und von der Reichenberger Nebenstelle der Konföderation der politischen Gefangenen der Tschechischen Republik veranstaltet.

Die Stadt wurde durch den Primator Jaroslav Zámečník und seine Stadträte und den Kreishauptmann Martin Půta und die Kreisräte vertreten.

Unter den Gästen waren Senator Michael Canov, der Direktor der Kreispolizei Vladislav Husák, Vertreter der Armee, der Technischen Universität Reichenberg, des Verbandes der Kriegsveteranen, der tschechischen Union der Freiheitskämpfer, der jüdischen Gemeinde, Vertreter der Pfadfinder Junák und Vertreter der tschechischen Legionäre.

Einer von vielen prominenten und angesehenen Persönlichkeiten war der sechsundneunzig jähriger Kriegsveteran, Oberst Josef Heisler, der nach dem Jahr 1948 die Gräueltaten des totalitären Regimes der Kommunisten an eigener Haut miterlebt hat.

Zahlreiche Menschen starben in den kommunistischen Gefängnissen und Arbeitslagern. Eine vollständige Liste der Opfer konnte zufolge der fehlenden Daten nie zusammengestellt werden. Historiker schätzen deren Zahl auf bis zu 10.000 und bemühen sich seit vielen Jahren, weiterhin auf die Verbrechen des totalitären Regimes aufmerksam zu machen. Als ob die Gesellschaft die totalitäre Vergangenheit nach der Wende von 1989 nicht ausreichend bewältigt hätte!

In der Tschechoslowakei wurden in der Zeit der kommunistischen Diktatur (1948-1989) 205.486 Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung verhaftet, circa 200 000 - 300 000 haben das Land verlassen, 4.500 sind in Gefängnissen oder Straf- und Arbeitslagern gestorben (genaue Zahlen sind leider nicht bekannt), 374 wurden auf der Flucht an der Grenze zu Westdeutschland oder Österreich erschossen und rund 248 wurden offiziell hingerichtet.

ist nicht möglich, die Zahlen dieser kommunistischen Verbrechen genau zu bestimmen. Die damalige kommunistische Macht hat genau darauf geachtet, so viele Spuren wie möglich zu vernichten.

Von dem französischen Historiker Stephane Courtois wurde am 6. November 1997, zum 80. Jahrestag der Oktoberrevolution 1917, die erste weltweite Gesamtbilanz in einem Buch, das in 26 Sprachen übersetzt wurde, veröffentlicht:

Auf der ganzen Welt wurden folgende Opferzahlen des Kommunismus registriert: Auf Platz 1 das kommunistische China mit etwa 65 Millionen Toten. Weitere Massenmorde, Verbrechen und Terror wurden von den Kommunisten in folgenden Ländern verübt:

Sowjetunion: 20 Millionen Tote, Vietnam: 1 Million Tote, Nordkorea: 2 Millionen Tote, Kambodscha: 2 Millionen Tote, Osteuropa: 1 Million Tote, Lateinamerika: 150.000 Tote, Afrika: 1,7 Millionen Tote, Afghanistan: 1,5 Millionen Tote. Die Gesamtopferzahl der Verbrechen von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen in der ganzen Welt wurde mit 94.350.000 angegeben. Keine andere Ideologie forderte mehr Menschenleben! Die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen ist bis heute nicht abgeschlossen.

Pavel Wonka

Vor 31 Jahren starb in dem Gefängnis in Königgrätz der letzte politische Häftling, der am 31. Januar 1953 in Hohenelbe geborene Pavel Wonka. Hier ist er aufgewachsen und hier hat er die Schule besucht. Das Ende der kommunistischen Herrschaft hat er nicht erlebt. Für seinen Tod wurde bis heute niemand bestraft. Aus den Archivmaterialien ist ersichtlich, dass er im Gefängnis sehr gelitten hat.

Kurz vor seinem Tod, am 16. April 1988, schickte die internationale Organisation „International Helsinki Human Rights Federation“ einen Brief an die tschechischen Behörden, in dem auf seinen sehr schlechten Gesundheitszustand hingewiesen wurde.

Vor seiner Verhaftung wollte er sich noch die Unterlagen besorgen, die er für seine Aussiedlung nach Westdeutschland benötigt hat. Am gleichen Tag wurde er verhaftet.

Mit zweitägiger Verspätung wurde seine Familie von seinem Tod im Gefängnis informiert. Seine Mutter bekam aus dem Gefängnis in Königgrätz dieses sehr knapp erfasste Telegramm:

„Ich möchte Ihnen bekannt geben, dass heute, am 26. April 1988, Ihr Sohn Pavel Wonka geboren am 26. Januar 1988 in Königgrätz gestorben ist. Ich verlange von ihnen Informationen, ob Sie die Beerdigung selbst organisieren oder ob sie auf Kosten des Staates durchgeführt werden soll. Teilen Sie mir, wenn möglich umgehend, Ihre Entscheidung mit.“

Das Telegramm, dessen Original im Nationalarchiv aufbewahrt wird, ist eines der Dokumente, aus denen hervorgeht, wie sich das damalige kommunistische Regime gegenüber Angehörigen des verstorbenen politischen Gefangenen verhalten hat.

Als die Mutter von Pavel Wonka, Gertrude Wonka, dieses Telegramm bekam, bat sie und ihr zweiter Sohn Jiří, um Mithilfe unabhängige amerikanische Ärzte, die bei der Leichenobduktion assistieren sollten, um die wahre Todesursache zu finden. Die Hinterbliebenen von Pavel Wonka waren damals noch davon überzeugt, dass sein Tod aufgeklärt werden kann und die Schuldigen bestraft werden. Es ist Ihnen bis heute nicht gelungen die Schuldigen zu finden…

Der Tod von Pavel Wonka wurde kurz nach dem Fall des Kommunismus von einer Sonderkommission und 1994 noch einmal von einem Ermittler der Polizei untersucht. Leider ohne Ergebnis. Der Ermittler der Polizei hat die strafrechtlichen Ermittlungen eingestellt, weil angeblich kein hinreichender Tatverdacht bestand(?).

Nach zwei Autopsien, die durch tschechische und amerikanische Ärzte durchgeführt wurden, wurde festgestellt, dass Pavel Wonka wahrscheinlich an den Folgen einer Lungenembolie gestorben ist. Der Tod konnte jedoch durch eine angemessene medizinische Versorgung verhindert werden. Die genaue Umstände seines Todes sind bis heute nicht ganz geklärt. Dies lag zum Teil an seinem Hungerstreik, zum Teil an den Ärzten, die seinen ernsthaften Gesundheitszustand ignorierten.

Zu seiner Lebzeit war er dreimal inhaftiert, unter anderem, weil er 1986 als unabhängiger Kandidat für die Föderalversammlung kandidieren wollte. Insgesamt hat er fast 3,5 Jahre im Gefängnis verbracht. Zu der letzten fünfmonatigen Haftstrafe wurde er von der Richterin Marcela Horváthová in Trautenau verurteilt.

Die damals 30-jährige Richterin Marcela Horváthová, die Pavel Wonka trotz seines sehr schlechten Gesundheitszustands nach dem Gerichtsverfahren 1988 inhaftieren ließ, lehnt jede Verantwortung für seinen Tod ab. "Ich habe mit den Tod von Pavel Wonka nichts zu tun", sagte sie. Radim Pek, der ehemaliger Chef der medizinischen Abteilung im Gefängnis, sagte: "Ich werde mich dazu nicht äußern".

Die kommunistische Staatssicherheit hat damals sogar den Druck der Todesanzeigen verboten.

Ungefähr 500 Menschen waren bei dem Requiem für den Verstorbenen in der katholischen Kirche in Hohenelbe anwesend, und dann schlossen sich mehrere Hundert dem Trauerzug zum Friedhof an.

An seiner Beerdigung am 6. Mai 1988, die zweifellos die größte in der Nachkriegsgeschichte von Hohenelbe war, nahmen rund 2.000 Menschen teil.

Neben seinen Freunden, den Unterzeichnern der Charta 77, Mitgliedern des Komitees für den Schutz der zu Unrecht verfolgten, Mitgliedern des regimekritischen Verbandes Prager Jazz-Sektion und weiteren Dissidenten nahmen auch diplomatische Vertreter von acht Botschaften (Australien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, USA, Niederlande und Deutschland) an der Beerdigung teil. Das Begräbnis hat neben der tschechischen Staatssicherheit auch das deutsche ARD Fernsehen aufgenommen .

Ursprünglich sollte damals der zukünftige Präsident Václav Havel für den verstorbenen Pavel Wonka eine Trauerrede halten aber die Polizei hat ihn und seine Frau in Trautenau festgehalten. Somit wurde ihnen den Zutritt zum Friedhof in Hohenelbe verwehrt.

Neben dem Pfarrer sprachen zwei Ortsbürger und führende Vertreter der Unterzeichner der Charta 77, Vlasta Chramostová, der damalige Sprecher der Charta 77 Stanislav Devátý und der ehemalige Sprecher der Charta 77 Václav Malý am Sarg des Verstorbenen.

Heute sind nach Pavel Wonka Straßen in den böhmischen Städten Königgrätz, Böhmisch Leipa, Böhmisch Skalitz, Prag und Saar benannt, seit 2011 ist er Ehrenbürger der Stadt Königgrätz. Auch eine Brücke in Pardubitz trägt seinen Namen. Am 28. Oktober 2013 wurde er vom Präsident Miloš Zeman mit der Verdienstmedaille in memoriam Ausgezeichnet.

Bildnachweis:
Pressestelle der Stadt Reichenberg

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