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Der Autor

Stanislav Beran ist freier Journalist und Korrespondent mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur. Nach seinem langjährigen Aufenthalt in München lebt er in Tschechien.

Als Auslandskorrespondent berichtet er aus dem Isergebirge für verschiedene Zeitungen und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum.

Er ist Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache, Herausgeber der Friedländer Zeitung und Heimatforscher.

Auch die Website https://friedlandinbohmen.jimdo.com, auf der man Informationen zur Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Friedland in Böhmen und die vielseitige Geschichte des Landes unserer Ahnen finden kann, wurde von ihm erstellt.

Für den Blog auf Tschechien Online schreibt er seit April 2015.

Im Internet: friedlandinbohmen.jimdo.comfriedlandinbohmen.jimdo.com
Bildnachweis:
Stanislav Beran

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| | Politik | 10.8.2018

Gedenktag für die Opfer des kommunistischen Terrorregimes

Gedenkveranstaltung am 27. Juni in Reichenberg am Denkmal für die Opfer des Kommunismus
  • Delegation des Rathauses vor dem Denkmal
  • Tibor Batthyány, Martin Půta und Jitka Volfová legen Blumen nieder
  • Besucher vor dem Denkmal
  • Kinderchor und Prominenz
  • Kriegsveteranen vor dem Denkmal
  • Schauprozeß: Milada Horáková vor Gericht
  • Telegramm: Albert Einstein bittet um Gnade für Mílada Horáková

Der 27. Juni ist der Gedenktag für die Opfer des kommunistischen Terrorregimes der ČSSR. Auch heuer gedachten die Tschechen in vielen Orten dieser Opfer. Am 27. Juni 1950 wurden die Widerstandskämpfer Milada Horáková, Jan Buchal, Záviš Kalandra und Oldřich Pecl nach einem Schauprozeß hingerichtet.

Auch die Reichenberger gedachten dieser Regimegegner. Veranstalter waren die Stadt und die Reichenberger Ortsgruppe des Bündnisses politischer Häftlinge der Tschechischen Republik. Seit 2004 wird dieser Gedenktag begangen. Um Gnade für Milada Horáková hatten 1950 Albert Einstein, Winston Churchill und Eleanor Roosevelt gebeten. Leider vergebens. Das Urteil wurde am 27. Juni 1950 um 5.30 Uhr durch lang andauerndes Erwürgen vollstreckt. Kurz zuvor hatten ihre Aufseher sie schmählich verhöhnt. Sie wurde als erste und einzige Frau in der Geschichte des Landes hingerichtet. Das ČSSR-Regime wird manchmal als eines der härtesten kommunistischen Regime in Europa außerhalb der UdSSR bezeichnet.

Horákovás letzte Worte vor der Hinrichtung im Gefängnishof waren: „Ich falle, falle ... diesen Kampf habe ich verloren, ich gehe in Ehren. Ich liebe dieses Land, ich liebe dieses Volk ... baut seinen Wohlstand auf. Ich gehe ohne Haß auf euch... Ich wünsche es euch, ich wünsche...“ Mehr konnte sie nicht sagen. Ihr qualvoller Tod am Strang durch Henkerhand dauerte fünfzehn Minuten. Weitere neun Angeklagte wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Im anschließenden Gerichtsverfahren waren 639 Personen angeklagt.

Diese Prozesse waren sorgfältig inszeniert worden: Die Aussagen der Angeklagten waren erzwungen und die Urteile im voraus festgelegt. 1991 ehrte Staatspräsident Václav Havel Milada Horáková posthum mit dem Tomáš-Garrigue-Masaryk-Orden Erster Klasse. Dieser ist eine der höchsten Auszeichnungen der Tschechischen Republik. Erst im Mai 1990 schaffte die Tschechoslowakei die Todesstrafe ab.

Ein vollständiges Verzeichnis der Ermordeten wurde nie zusammengestellt. In der kommunistischen Diktatur, die seit Februar 1948 bis zu ihrem Untergang 1989 das 20. Jahrhundert auf tschechischem Boden prägte, wurden aus politischen Gründen 248 Menschen hingerichtet - eine Frau und 247 Männer - und 374 an der Grenze erschossen. 4500 bis 7000 starben in Gefängnissen oder Arbeitslagern. Während der 40jährigen kommunistischen Herrschaft emigrierten 220 000 Menschen.

Die politische Opposition kritisierte die gegenwärtige neue Regierung und den Zeitpunkt ihrer Ernennung am 27. Juni. An diesem Tag gab Staatspräsident Miloš Zeman die Namen der neuen Minister bekannt. Die Oppositionspolitiker des Bündnisses STAN, der christdemokratischen KDU-ČSL, der bürgerdemokratischen ODS und der Piraten halten die Ernennung der ersten von den Kommunisten unterstützten Regierung seit der Samtenen Revolution 1989 am Tag des Gedenkens an die Opfer des Kommunismus für eine Verhöhnung der politisch Verfolgten und Ermordeten.

Das neue Kabinett wird laut Petr Fiala, Vorsitzender der tschechischen Bürgerdemokraten ODS, in die Geschichte der Tschechischen Republik als erste halbkommunistische Regierung nach 1989 eingehen: „Die ODS hat zu solch einer Regierung kein Vertrauen, weil sie mit ihrer Zusammensetzung, ihrem Programm und mit dem, wie sie entstand, nicht einverstanden ist.“ Das Reichenberger Denkmal für die Kommunismusopfer steht nahe der Liebieg-Villa im Park an der Gablonzer Straße. Hauptmotiv ist die Spiegelung.

Die Entscheidung, wer ein Opfer oder ein Tyrann ist, muß jeder, der zum Denkmal kommt oder an ihm vorbeigeht, selbst treffen. Jeder ist gezwungen, in die Augen des Denkmals zu sehen und nachzu-denken. Das quadratische Mahnmal besteht aus zwei 18 Millimeter starken und 4,5 mal 3,2 Meter großen Spiegelflächen, die ein 70 Zentimeter breiter einfacher Stahlrahmen beidseitig einfaßt. Jede Glasplatte wiegt 800 Kilogramm.

Auf dem Boden steht die spiegelverkehrte Inschrift: „Sám v sobě hledej, zda svobo-du bráníš, ctíš nebo omezuješ“ - „Suche in dir selbst, ob du die Freiheit verteidigst, ehrst oder einschränkst". Neben dem Denkmal stehen links und rechts einfache, zehn Meter lange Holzbänke. Das Denkmal kostete 1,2 Millionen Kronen.

An diesem Denkmal trafen sich nun die Vertreter Reichenbergs. Darunter Oberbürgermeister Tibor Batthyány, Bezirkshauptmann Martin Půta, dessen Stellvertreterin Jitka Volfová, Batthyánys Stellvertreter Jan Korytář, Karolina Hrbková und Tomáš Kysela sowie Stadtrat Martin Čech und weitere Stadträte. Von den Reichenberger Vereinen war der Vertreter des Bündnisses der politischen Gefangenen und der Vertreter der Jüdischen Gemeinde gekommen. Außerdem beteiligten sich Dutzende von Politikern, ehemaligen politischen Gefangenen, Widerstandskämpfern, Legionären, Armeeoffizieren und Polizisten.

Batthyány wies in seiner Gedenkrede auf die Absurdität und das Verbrechen der kommunistischen Regimes hin. „Für die heutige Generation ist es kaum möglich, sich die damalige allgegenwärtige Atmosphäre der Angst und Absurdität vorzustellen. Die Atmosphäre einer Zeit, in der der Staatsapparat unschuldige Menschen verfolgte und ermordete. Nicht einmal ich kann mir das vorstellen. Ich bin froh, daß meine Kinder in der Zeit der Freiheit und der Demokratie geboren wurden. Ich hoffe, daß das Andenken an Milada Horäkovä und alle anderen Opfer des kommunistischen Regimes für immer und ewig leben wird, um uns daran zu erinnern, daß wir selbst gegen die kleinsten und scheinbar unbedeutendsten Bedrohungen nicht blind sein dürfen.

"Dann ging der Oberbürgermeister auch auf die aktuellen politische Entwicklungen ein: „Traurig und mir völlig unverständlich ist, daß 29 Jahre nach der Samtenen Revolution eine Regierung in der Tschechischen Republik mit der stillschweigenden Unterstützung der Kommunisten regieren wird.“

Anschließend sprach Bezirkshauptmann Martin Půta. Und zum Abschied sangen die Kinder des Reichenberger Kinderchors „Severáček". Die tschechische Nationalhymne beschloß das Gedenken.

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