
Erwähnte Begegnungen: Uruguay – Kapverden 2:2, Argentinien – Österreich (z.Zt.) 1:0, Belgien – Iran 0:0, Frankreich – Irak 3:0
Schrieb ich noch gestern oder vorgestern oder wann auch immer davon, dass alle Mannschaften gleich spielen, muss ich heute für diesen Fehler Abbitte leisten. Nein, zwar spielen immer noch einige Mannschaften besser als andere, doch daraus sollte man niemandem einen Vorwurf machen. Begeisterung löst das bei mir nur bedingt aus, vor allem nach dem Spiel Belgien – Iran, in dem sich die bemerkenswerteste Szene des Spiels bereits in der dritten Minute ereignete. Eine scharfe Hereingabe vom Flügel verwandelte Lukaku – nein, nicht in ein Tor, sondern einen mörderischen Angriff mit der stollenbewehrten Sohle auf die Halsgegend des iranischen Torwarts. Dabei hat es der Iran schon schwer genug, aus Mexiko zu jedem Spiel eine Einreise mitsamt border control in Feindesland USA, nun noch ein meuchlerischer Anschlag der im Iran-Konflikt bisher so zurückhaltenden Europäer auf die letzte Bastion der Verteidigung.
Belgien dagegen, das Herz Europas, in seinen Schaltzentralen veraltet (K. De Bruyne), oft zu behäbig und schwerfällig (R. Lukaku) und im Abschluss unentschlossen (fällt mir jetzt keiner ein) – Europa eben, der Kontinent zum Abschreiben. Dann noch eine rote Karte...
Abgesang auf Belgien
(langer hydration break mit Klärung des Argentinien-Österreich-Sachverhalts: Endstand 2:0, der „habgierige“ „Zwerg“ (1. Teil: unbestätigtes Zitat eines CF Barcelona-Offiziellen hinter vorgehaltener Hand, damals noch nicht rot-würdig; 2. Teil: Zitat Z. Ibrahimovic) schießt sich an die Spitze der WM-Torjägerliste und einen Elfmeter neben das Tor.)
Der Trainer-Guru der Trainer
Zurück zum Thema, zu „el loco“, dem Trainer der Nationalmannschaft Uruguays. Diese Mannschaft spielt wirklich anders Fußball, hier sieht man noch Dinge, die längst vergessen geglaubt. Marcelo Bielsa, das Trainer-Idol der Trainer, dem Sucher nach der reinen Ball-Lehre, dem Ergebnisse und strategische Erwägungen egal sein sollen, der aus Scheiße Gold machen kann, das dann beim Einlösen aber in Staub zerfällt, angebetet von Startrainer P. Guardiola („der Philosoph“, Zitat IZ. Ibrahimovic; ein Champions-league-Sieg in zehn Jahren bei Entwicklungskosten von geschätzt zehn Milliarden Euro), gerade ohne Amt und auf der Suche nach dem nächsten Sinn des Trainer-Daseins, bietet dem Publikum die Unterhaltung, die der von Europa geprägten Spielanlage in diesem europafeindlichen Turnier abgeht. Uruguay, das ist die Verbindung von alten Werten wie beinharten Verteidigern (zehn Fouls in den ersten vier Minuten) und überraschenden Spielzügen. Genial, wie die Mannschaft Gegentore zelebriert, um sich dann erst recht zu höchsten Höhen aufzuschwingen.
Wie man eine Mauer auflöst
Beispiele gefällig? Nehmen wir das Spiel gegen die Kapverden. Ein Freistoß von knapp vor der Mittellinie, dagegen reicht eine Zwei-Mann-Mauer, stehen ja sonst noch genügend Anspiel- und Ausschaltstationen zwischen Spielgerät und Zielbereich. Nur blöd, wenn die beiden Mauermänner im entscheidenden Moment auseinanderlaufen und der Ball durch genau die entstehende Lücke ins Tor saust. Da sieht der beste Tormann blöd aus. Also muss wieder das beherzte Offensivspiel her, angelegt mit viel Mut im Zweikampf und Schwung, manchmal auch mit Finesse und zwei schönen Toren.
Da es bereits 1 Uhr nachts ist, entscheide ich ins Bett zu gehen, die Vernunft eines bevorstehenden langen Arbeitstags besiegt die Lust, mir Uruguays und Bielsas Kapriolen weiter anzusehen.
Was ist los beim Tschechischen Fernsehen?
Schließlich überträgt ja das tschechische öffentlich rechtliche Fernsehen, das zuverlässig die Aufzeichnungen des gesamten Spiels incl. Halbzeitkommentars in die Mediathek stellt. Die zweite Halbzeit kann ich mir auch morgen anschauen, denke ich. Aber was sehe ich? Keine Aufzeichnung, sondern die Warnung, dass sich die Mitarbeiter der Sendeanstalt in einem Warnstreik befinden und die gewohnten Inhalte nicht in vollem Umfang garantieren können. Ist das der lange Arm des Ober-Maga aus Trumpistan, ärgere ich mich und schwöre seinen Erfüllungsgehilfen in Tschechien bittere Rache. Das ist die Kleinpartei der Autofahrer (Motoristen), die der macht- und habgierige Slowake im Premierministeramt in die Regierung gehievt hat und ihnen freie Hand lässt, in den ihnen anvertrauten Ministerien das Aktionsprogramm des Ober-Maga aus Trumpistan umzusetzen. Unter dem Decknamen „liška-zprávy“ (zu amerikanisch: „fox news“) soll zunächst die journalistische Opposition liquidiert und anschließend der Kulturbetrieb lahmgelegt werden.
Wer steckt hinter dem Fernsehstreik?
Die „vejkfukáří“ (sinngemäß: Auspuff-Fetischisten), bestehend aus drei ernstzunehmenden Personen, dem Ehrenpräsidenten mit einem niedrigen akademischen Titel einer obskuren Nischenuniversität im Fach Tourismus, auch bekannt für seine Sammlung von Devotionalien aus dem 3. Reich, einem früheren Praktikanten des einstigen Premiers und Präsidenten V. Klaus („ich kenne kein schmutziges Geld“) und einem abgehalfterten Politiker, der bei anderen Parteiprojekten durchgereicht wurde, drehen kräftig Geldhähne zu, ersetzen massenhaft Kompetenz durch KI, ramponieren das Ansehen des Landes im Ausland und untergraben das, was dieses Land im Innersten zusammenhält.
Meine Stimme bekommt ihr so sicher nicht, sollte ich in diesem Land denn mal wählen dürfen! Mir einfach Uruguays zweite Halbzeit vorzuenthalten, pfui! Da schütte ich euch nächstens Blei ins Benzin und Zucker in den Tank, verstopfe euren Auspuff und überhaupt sperre ich neben der Straße von Hormus auch alle anderen Benzinlieferungen. Wollen doch mal sehen, was dann aus euren Auspufflöchern spritzt!
Ungewöhnliches Gegentor
Gut, dass es noch den oftmals unkommentierten Zusammenschnitt gibt. In der Halbzeit muss es wohl kräftig gekracht haben in der uruguayischen Kabine. Ein Mäuschen will die Worte „von einem Argentinier lasse ich mir gar nichts sagen“, gemünzt auf das Trainer-Idol der Trainer, Marcelo Bielsa, gehört haben. Das Mäuschen hat dann aber die Katz' geholt und die ist von einem Puma gefressen worden, der leider in eine Schießerei geraten ist, deren Akteure bereits auf dem Weg ins Gefängnis in El Salvador sind, was dann demnächst abbrennen dürfte. Schwer, hier noch Spuren für den Nachweis zu finden.
Egal, das Team von „el loco“ (für Nicht-Kenner der Weltsprache Spanisch bzw. Kastilianisch: „der Verrückte“) zaubert aus einem harmlosen eigenen Einwurf auf Höhe der Mittellinie über eineinhalb Stationen ein Gegentor, das die Welt so auf diesem Niveau sicherlich noch nicht gesehen hat. Der wahre Verrückte, der uruguayische Torwart, irrt etwa dreißig Meter vor seinem Tor herum und der Verteidiger verwandelt einen schlampigen Querpass in eine Gegentorvorlage. (Übertroffen wurde diese Slapstick-Einlage bisher nur von Abwehr und Torwart des Irak, die bei eigenem Abstoß den Ball vor der Fünf-Meter-Linie verstolpern und Mbappé zum Torschuss einladen. Ach, gäbe es doch noch die alte Abstoßregel, bei der das Spielgerät erst aus dem Sechzehner gespielt werden muss, bevor der Gegner eingreifen darf, das hätte dem Irak dieses blamable Gegentor erspart.)
Ein Abseits, das den euklidischen Raum in Frage stellt
Uruguay wäre aber nicht Uruguay, wenn das schon alles gewesen wäre. Fünf Minuten später zappelt der Ball im gegnerischen Netz, nach sehenswertem mehrfachem Gestocher um den liegenden Torwart findet ein Schussbein die Lücke, ohne den Tormann zu foulen. Erneute Führung? Denkste, der Schütze von Uruguay hat es tatsächlich geschafft, irgendwann am Anfang der Aktion im Abseits zu stehen, obwohl ein gegnerischer Verteidiger hartnäckig die eigene Torlinie besetzt hält und seine, allerdings die andere, Ecke bewacht. Dieses Kunststück macht ihm keiner nach, deshalb protestiert er auch nicht groß, um das Abseits des Jahrhunderts, ach was, Jahrtausends, so wird es einst in die WM-Annalen eingehen, wenn der letzte Ball gespielt und der letzte Abpfiff verklungen sein wird, nicht zu besudeln. Da bin ich mir sicher.
Dem Fußball-Nirvana so nah...
Sonst passierte in diesem Spiel dann doch noch das Übliche, ein paar Möglichkeiten hüben und drüben und ein Unentschieden. Auf's Ergebnis gepfiffen, seňor Bielsa, ich sehe, Sie sind Ihrer Idee des idealen Fußball wieder sehr nahe gekommen. Eine Vorstellung bleibt noch, gegen Spanien, dann dürfte die Truppe, die für Kurzweil in der Gruppenphase sorgt, die Veranstaltung mit einigen unsterblichen Momenten verlassen. Ich freue mich schon – auf das nächste Spiel, nicht auf das Danach ohne Uruguay.