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| | | 28.5.2010

KISS – What a crazy night

Die Aufregung ist groß, das Chaos auch. Wo ist meine Strumpfhose? Warum pass ich nicht mehr in den Rock? Bin ich so fett geworden? Scheiße, die Schuhe passen ja gar nicht zum Rest! So tönt es aus meinem Zimmer. Gut, dass ich schon fertig bin. Aber ich hab mir ja auch schon seit Wochen überlegt was ich anziehe: Das Zipkleid und dazu die Overknees. Eigentlich wollte ich mir ja noch das Leopardentop kaufen und dazu den Lederrock. Aber dann dachte ich mir, es ist eh dunkel, wozu sich aufbrezeln. Ja, die zwei Mädels, die mein schön aufgeräumtes Zimmer gerade in einen Affenstall verwandeln, sehen das anders. Immer noch durchfühlen sie die Koffer und Tüten, die sie aus München, beziehungsweise Nürnberg, mitgebracht haben. Ja ganz recht, sie sind extra angereist – wegen KISS!

So langsam kehrt dann auch Ruhe ein, scheinbar sind alle nun angezogen. Ich verzieh mich ins Bad und trag noch eine Tonne Liedschatten auf. Ich meine, überschminkt kann ich heute ja nicht sein. Da klingelt es auch schon. Sylvia und Thomas kommen zum Vorglühen. Wir machen es uns bei dem lauen Wetter auf dem Balkon gemütlich. Endlich sind auch die Damen mit Stylen fertig und gesellen sich zu uns. Gut, dass mein Mitbewohner schon mal vorsorglich die Flucht zu seinen Eltern ergriffen hat. Bei dem Chaos, was binnen Minuten in der Küche entsteht, würde er einen Herzinfarkt bekommen. So, noch schnell das letzte Bier ausgetrunken und schon scheuche ich die Meute aus der Wohnung.

Es ist kurz nach sechs. Wir wollen in die erste Reihe. Nicht umsonst haben wir Unmengen für Stání u podia- Karten ausgegeben. Unterwegs sammeln wir noch ein paar unserer Erasmusfreunde ein und schon stehen wir als großer Pulk vor der O2-Arena. Kurz vor der Sicherheitskontrolle wird mir dann bewusst, dass meine Tasche prall gefüllt ist mit allem was man nicht mit auf ein Konzert nehmen darf. Pfefferspray, ein Parfum in einer Glasflasche, was zu essen, eines der besten Taschenmesser der Welt und so weiter. Hmm, da ist nun strategisches Verstecken angesagt. Zur Sicherheit öffne ich den Reißverschluss des Zipkleides etwas und sehe dem Kontrolleur tief in die Augen. Schwupp, bin ich durch, mit allem was in der Tasche war. Nun laufen wir erst mal durch ein Ganggewirr, um in den vorderen Bühnenbereich zu kommen. Immer wieder müssen wir die Karten vorzeigen. Die Mädels jammern ob des langen Weges auch schon. Tja, hochhackige Schuhe waren wohl nicht die beste Idee. So, endlich sind wir in der Vorhalle. Während die Damen sich nun noch mal auf die Toilette begeben werden, holen die Jungs noch mal Bier.

Das Spielchen wiederholen wir so lange, bis es zu spät ist und wir gerade zu den ersten Klängen der Vorband in die Halle kommen. Klasse, alles voll. Die Damen mit den hohen Schuhen resignieren. Doch ich gebe nicht so leicht auf. Unterstützt von zwei Männern beginne ich das Gedränge. Anfangs geht es ganz gut. In der fünften Reihe gibt es dann schon erste Zwischenfälle. Aber mit Geduld, Spucke und etwas Druck von hinten kommen wir weiter. Leider „nur“ bis zur dritten Reihe. Hier ist endgültig Schicht im Schacht. Die Typen vor mir sind so dermaßen aggressiv, dass sie mich, ich bin ein kleines, ziemlich niedliches, weibliches Wesen, fast verprügeln, als ich einen nur am Arm berühre. Also gebe ich auf, bevor ich mit blutender Nase aus der Menge gezogen werde. Und wenn ich mich etwas recke und den Kopf in den Nacken lege, sehe ich gut. Doch dann, bähhhh: der Typ vor mir nimmt die Arme hoch! Nicht, dass mir nun die Sicht versperrt würde, eher die Atmung. Dem verströmenden Geruch nach hat er seit ca. drei Wochen nicht mehr geduscht. Doch wie ich im Laufe des Konzertes feststellen werde, geht es noch schlimmer. Der neben ihm hat Blähungen. Aber hey, es ist KISS!!!

Noch stehen wir vor einem schwarzen Vorhang. Doch langsam wird die Masse unruhig und dann Bang, mit einem lauten Knall kommen die vier auf die Bühne. Es ist geiler als ich es mir vorgestellt habe, um längen. Also bisher beruhte meine einzige Vorstellung ja auf dem Film „Detroit Rock City“. Aber, eh, die Jungs mit der Maskierung, den Klamotten und dem ganzen Glitter und Flitter nur ein paar Meter vor mir zu sehen, der Wahnsinn. Ich mache tausende von Fotos. Leider werden die Videoversuche von den beiden Stinkern vor mir am laufenden Band sabotiert, sodass es kein einziges gibt in dem nicht dutzende Male ihre Griffel zu sehen sind. Doch bevor ich mich darüber aufrege, trete ich sie beim Hüpfen, Springen und Kreischen ganz aus Versehen ein paar Mal.

Gerade streckt Gene Simmons wieder seine Drei-Meter-Zuge raus. Das Publikum kreischt auf. Immer wieder kommt es zu Explosionen, Feuerfontänen schießen aus der Bühne. Im Hintergrund der Bühne wird das Geschehen auf einer riesen Leinwand wiedergegeben, sodass letztlich acht KISS-Member auf der Bühne rumwuseln.

Und dann kommt die vermutlich beste Ansage der Jungs an dem Abend: Prague is a Rock City! Also in Anlehnung an Detroit Rock City, was sie nun spielen.  Wow die Menge tobt, oder nur ich, aber das kann ich nun auch schon nicht mehr unterscheiden. Und wer bei einem KISS-Konzert nur müde mit dem Fuß wippt, ist schließlich selbst schuld.

Auf einmal wird die Bühne in Nebel gehüllt, Simmons taucht immer wieder kurz daraus auf. Je deutlicher er hervortritt, desto besser sehen wir das Blut, was aus seinem Mund rinnt. Und die Schnüre, die ihn wie eine Marionette die Arme heben und senken lassen. Und dann mit einem Ruck ist er in der Luft und schwebt hoch über uns. Wieder gelandet, sich schnell das Blut abgewischt, und weiter geht’s. So langsam kann ich mir vorstellen, warum KISS die Musik revolutioniert haben, bei all den Special-Effekts. Dennnoch muss ich hier schon auch mal anmerken, dass man den Jungs auch mit Tonnen von Make-up ansieht, dass sie nicht mehr ganz taufrisch sind. Trotzdem sie rocken wie junge Hüpfer!

Langsam scheint sich das Konzert dem Ende entgegen zu neigen. Da kommt „I was made for loving you“. Ich hab schon den ganzen Abend darauf gewartet. Einfach genial!

Zu großen Finale geht nicht nur ein Regen aus weißen Papierschnipseln auf uns nieder, sondern KISS, jeder der vier Jungs, inklusive Schlagzeug, werden mit Hebebühnen bis weit unter die Decke der O2-Arena gehoben.

Und mit einem lauten Knall ist es vorbei, so wie es begonnen hat. Ich stehe etwas benommen in der Menge. Schnell sammle ich noch ein paar Papierschnippsel als Erinnerung ein, bevor ich den Rest meiner Truppe einsammeln gehe. Die Nacht ist noch jung und nun geht es auf zur KISS-After-Party ins Exit Chmelnice – dem Ort, wo im Oktober Iron Butterfly spielen werden.

Eine der craziest nights ever!

Bildnachweis:
Monika Kindermann

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