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| | Kultur | 2.11.2008

"Und plötzlich kamen die Panzer…"

Fotoausstellung über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968

Anlässlich des vierzigsten Jahrestages der Niederschlagung des Prager Frühlings findet in München eine mehrteilige Veranstaltungsreihe zum Thema „Prag 1968 – Wahrnehmungen, Darstellungen, Reaktionen“ statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung gab es in Kooperation mit den Národní muzeum in Prag im Sudetendeutschen Haus in der Hochstraße eine Fotoausstellung mit dem Titel „…a přijely tanky“ „Und plötzlich kamen die Panzer“.

Kurz vor knapp habe ich es am Freitag, dem letzten Tag noch geschafft, die seit 26. September geöffnete Ausstellung zu besuchen. Groß angekündigt sollte diese in der Alfred-Kubin-Galerie stattfinden, was sich bei näherer Betrachtung jedoch nur als ein großer Raum im besagten Sudetenhaus entpuppte. Dort standen entlang der Wände große Aufsteller, auf denen die Fotos befestigt waren – im übrigen zum großen Teil Aufnahmen von Privatpersonen, die diese nach einem Aufruf dem Národní muzeum zur Verfügung gestellt hatten und die somit zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

Zu Beginn der Ausstellung fanden sich auf großen Tafeln für diejenigen, die mit den Fakten und Geschehnissen nicht so vertraut waren, kurz und prägnant einige Eckdaten zum Prager Frühling und dessen Niederschlagung durch die Warschauer-Pakt-Truppen im August. Was das Konzept der Ausstellung betraf, so waren die Aufnahmen, überwiegend schwarz-weiß Fotos, nach insgesamt 10 Themen gegliedert. Der Rundgang führte von „Kämpfen“ über „Verwundete“ durch die Besatzungstruppen zu „Debatten“ mit den Soldaten und „Informationen“ beziehungsweise Informationshunger der Bevölkerung über „Protest“ gegen den Einmarsch zu „Stimmungen“, „Sowjetische Soldaten“ und ihrer Situation und „Begräbnissen“ der Opfer der ersten Tage bis hin zu den „Folgetagen“ und Ereignissen in „weiteren Orten“ der Tschechoslowakei wie Ostrau oder Liberec.

Nach einer kurzen Schilderung der privaten Erlebnisse des 21. August von Jan Bartusek sowie einigen einleitenden Worten zu Beginn des Themas, aus denen man erfuhr, dass es am ersten Tag ca. 31 Verletzte gab und insgesamt 130 Menschen im Zuge des Einmarsches getötet wurden, ging es dann los. Auf den beeindruckenden Bildern in diesem Kapitel waren zumeist Panzer zu sehen, die entweder umgeben von Menschenmassen auf dem Wenzelsplatz standen, oder gerade dabei waren auszubrennen. Es folgten Aufnahmen von Verwundeten, meist Menschen mit Kopfverletzungen, denen der Schock über diese plötzliche Gewaltanwendung deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

Im Anschluss sah man einzelne Soldaten, umringt von Menschen, die wild gestikulieren, mit erhobenem Finger auf sie einredeten und zu signalisieren versuchten, dass sie mit dem Einmarsch ganz und gar nicht einverstanden waren, während die Soldaten, sofern sie die Debatten überhaupt verstanden, einen eher distanzierten, teilnahmslosen Eindruck erweckten. Sehr eindrucksvolle Bilder waren dann im vierten Themenbereich zu sehen. Ein alter Mann, der sich in Wissbegier ein tragbares Radio an Ohr hält, Gruppen von Menschen mit Radios inmitten der Stadt.

Die nächsten Aufnahmen thematisierten den Protest der Bevölkerung, den diese vor allem durch das Tragen von Nationalfahnen zum Ausdruck brachte. Auch waren überall Aufschriften zur Unterstützung von Dubček und Svoboda zu sehen. In dieser Reihe faszinierte mich besonders ein Bild. Auf ihm waren zwei junge Männer zusehen, hinter ihnen ein großes selbstgeschriebenes Plakat mit der Aufschrift:
„Kolder, Bil’ak, Indra Ehrenorden für Schweine!
Hochleben Dubček, Černik. Smrkovský, Svoboda!
Bitte unterschreiben“

Erstaunlich am achten Thema „Stimmungen“ fand ich den Scharfsinn der Menschen. Sie schrieben die Namen der Verräter an die Hauswände, veröffentlichen Autokennzeichen des Staatssicherheitsdienstes. Frappierender fand ich die Gleichsetzung der Kommunismus mit dem Nationalsozialismus (Kommunistenstern = Hakenkreuz).

Die Aufnahmen der Sowjetsoldaten umfassten dann nur einige wenige, zum Grossteil auch eher ausdruckslose Fotos von Soldaten auf Panzern. Weit beeindruckender dagegen waren die Aufnahmen der Beerdigung von Milos Kadece, einem der ersten Opfer des Einmarsches. Begräbnisse von völlig unbekannten Menschen wurden plötzlich zu Medienspektakeln. So sind auf den Aufnahmen, egal aus welcher Blickrichtung, immer Dutzende Fotographen zu sehen, die ihrerseits das Begräbnis dokumentieren.

Das vorletzte Thema zeigte dann den zivilen Widerstand der Bevölkerung. Auf diesen Bildern ist beispielsweise zu sehen, dass die Menschen, die in großer Zahl die Straßen säumen den vorbeifahrenden Sowjetfahrzeugen geschlossen demonstrativ den Rücken zukehrten, während sie einen vorbeikommenden einheimischen Alkoholtransporter begeistert zujubelten. Zum Abschluss folgten dann ähnliche Aufnahmen aus anderen Städten des Landes.

Obwohl zeitlich aus dem Rahmen fallend, gab es zwischen den Informationstafeln zu Beginn auch Bilder von der Beerdigung von Jan Palach, dem Studenten der sich 1969 auf dem Wenzelsplatz aus Protest gegen den Einmarsch selbst verbrannt hatte. Sie zeigen eine sich unendlich windende Schlange von Menschen, die sich ins Kondolenzbuch eintragen wollen. So wird auch ihm hier gedacht.

Insgesamt fand ich die Ausstellung recht gelungen, jedoch mit ca. 60 Fotos, wenn auch sehr beeindruckenden Bildern für meinen Geschmack viel zu klein. Schade fand ich auch, dass sämtliche Fotos, mit Ausnahme von Übersetzungen, sofern die Bilder Texte, beispielsweise auf Transparenten oder ähnlichem enthielten, keine Bildunterschriften trugen. So konnte man die Fotos leider oft weder lokal noch zeitlich einordnen.

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