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| | Panorama | 19.3.2011

Von Katzenhaaren in der deutschen Botschaft

Ich sitze im Bus, sehe aus dem Fenster. An mir vorbei ziehen unendliche Weinreben, Wälder. Ich bin auf der Fahrt gen Osten, gen Heimat. Ich habe es im tristen München nicht mehr ausgehalten und mache mich auf in meine Wahlheimat, zurück nach Prag. Diesmal muss ich Bus fahren, weil niemand nach Prag will und mich mitnehmen. Während der fünfstündigen Fahrt döse ich vor mich hin, träume von Prag und was ich diesmal alles machen werde. Die Fotoschnecke wird auch da sein und nach über einem halben Jahr sehen wir uns endlich wieder. Erinnerungen an die guten alten Zeiten kommen hoch. Als wir auf der Matĕjská pout’ waren und mit diesem Höllenkarussell gefahren sind und ich beinahe vor Angst gestorben wäre. Oder unser Ausflug nach Kutná Hora oder nach Brno zur Superbike Competition. Ich schließe die Augen und lasse mein Jahr in Prag noch mal an mir vorbeiziehen. Ich geh aus der Wohnung, laufe Richtung Tram. Noch schnell in meinem Lieblings-24-Stunden-Laden die obligatorische Packung bílé Petry gekauft und in die Tram gesprungen. Nummer 9 oder 6 zur Národní třída und damit ins Vagon. Oder die 12 oder 20 zur Malostranská und dann zu Fuß über die Brücke zur Philfak in den Tschechischkurs. Oder aber ein kleiner Spaziergang von der Ječná nach Hause, wenn abends die Veranstaltung im Literaturhaus aus ist und ich alle Praktikumspflichten brav erfüllt hab. Und nun darf ich wieder zurück in mein soukromý ráj, in mein persönliches PARADIES. Leider nur für eine Woche. Dann muss ich wieder nach München und Hausarbeit schreiben. Bäähh. Aber bevor es soweit ist, liegt eine herrliche Woche vor mir.

Und ich habe Einiges vor. Nicht nur meine Fotoschnecke endlich wiedersehen und diesmal nicht alleine auf den Spuren vergangener Tage wandern. Nein, darüber hinaus bin ich auch wegen eines Konzerts in der Stadt. Black Label Society sind hier und ich eigentlich wegen ihnen. Und dann, dann kribbelt es mir in den Fingern nach ein bisschen Schmerz, genauer gesagt ein bisschen Schmerz in Form eines Schmetterlings. Doch das werden wir alles sehen.

Nun kommt der Bus erst mal in Florenc an und ich muss mich beeilen. Paní "schüchtern und zurückhaltend" ist ja momentan in München und genießt ihr Erasmusleben dort, sodass die Wohnung von einer ihrer Freundin bewohnt wird. Und diese junge adrette Dame wird mir neben Čič die nächsten Tage Gesellschaft leisten. Doch jetzt muss sie gleich an die Uni und ich somit schnell nach Strašnice und die Schlüsselübergabe machen, damit die Schlüsseldame nicht zu spät kommt. Gut 20 Minuten später stehe ich mit meinem sauschweren Koffer dann vor der Tür und werde herzlich in Empfang genommen. Kaum bin ich in der Wohnung, bin ich auch schon allein mit Čič, die mich kritisch beäugt und wohl beschlossen hat, mich dieses Mal nicht zu mögen. Während ich gefühlstechnisch langsam in Prag ankomme, beziehe ich mein Bett und versuche vergeblich die Fotoschnecke zu erreichen. Ausgemacht war ja, dass wir uns zusammentelefonieren, sobald wir in Prag sind. Nur hab ich kein Guthaben auf meinem CZ-Handy und sie auch nicht und so versuche ich es vergeblich mit SMS vom deutschen aus. Als ich nach einer Stunde immer noch keine Antwort habe, beschließe ich, mich nun los zu machen und ein bisschen in Prag rumzulaufen.

20 Minuten später biegt die Tram bei der I.P. Pavlova um die Ecke und mich überkommt spontan der Gedanke beim Literaturhaus vorbeizuschauen und Hallo zu sagen. Gedacht, gemacht. Ich springe an der Štěpánská aus der Tram, durchschreite den Hauseingang, überquere den Innenhof und schon bin ich da. Ein großes handgeschriebenes Blatt weißt mich daraufhin, dass ich klopfen soll. Scheinbar ist die Klingel kaputt. Also klopfe ich. Doch kaum ist die Tür offen, wird mir auch schon gesagt, dass ich zeitlich ganz ungünstig komme. Naja, Pech gehabt. Gerade will ich auch schon wieder gehen, da fragt mich die Chefin, ob ich nicht Lust hätte heute Abend mit in die Deutsche Botschaft zu kommen, dort hätten sie Partnertreffen. Ja, warum eigentlich nicht. Pläne habe ich ja noch keine und in der Deutschen Botschaft war ich auch noch nie. Ok, abgemacht, um 18.30 davor.

Doch kaum habe ich zugesagt, mich verabschiedet und bin wieder draußen auf der Straße, da fällt mir ein, dass ich absolut nichts zum Anziehen für solch einen Anlass dabei habe. Zuhause stand ich noch vorm Schrank und überlegte, ob ich das kleine Schwarze einpacken soll. Doch dann sagte ich mir: „Wozu denn Moni, du gehst nicht ins Theater oder in die Oper und für die dunkeln Kellerlöcher ist das viel zu overdressed!“ Na toll, und jetzt? Kurz bin ich ja versucht, in den nächsten H&M zu laufen und mir was zu kaufen, doch war ich dann der Meinung, dass ich nicht so einen Aufriss machen sollte, dass ich ja einen Koffer voller vorwiegend schwarzer Klamotten habe und sich da sicher was finden lassen würde. Und während ich mir nun Gedanken machte, was ich wie kombinieren könnte, schlendere ich Richtung Václavák. Genauer gesagt zur Luxor-Buchhandlung. Meine Tschechischlehrerin in Muc ist nämlich der Meinung, ich sei inzwischen doch wohl soweit, Bücher auf Tschechisch zu lesen und das sei auch dringend nötig, um meinen eingeschränkten Wortschatz aufzubessern. Phh, wenn die wüsste, wie breit mein Wortschatz auf gewissen Feldern so ist... Doch lassen wir diese Lowlevelgespräche. Ich bin nun schließlich Elitestudentin und als solche führe ich keine Lowlevelgespräche mehr. Stattdessen kaufe ich mir Valčík na rozloučenou und verbringe insgesamt bestimmt 1,5 Stunden im Buchladen, mich in diverse Bücher hineinzulesen.

Da ich die Fotoschnecke immer noch  nicht erreichen kann, mache ich mich mal auf dem Heimweg, in Gedanken immer noch am Kombinieren meiner Klamotten. Kaum bin ich dann in der Wohnung und öffne den Koffer, da springt Čič mit Freunde rein. Und ich stelle voller Freude fest, dass die Katze gerade ihr Winterfell verliert und gut 50% davon nun an meinen fast ausschließlich schwarzen Sachen hängen. Doch ich habe nun keine Zeit, die Katze dafür zu meucheln, ich muss mich beeilen. Noch dazu, da ich keine Fusselbürste habe und die Haare einzeln aus meinen Sachen popeln muss. Als ich dann endlich fertig bin und ein Outfit gefunden habe, das laut der Meinung der Schlüsseldame dem Anlass angemessen ist, muss ich auch schon aus dem Haus laufen. Gerade kann ich noch fragen, was Botschaft eigentlich auf Tschechisch heißt: velvyslanectví. Ok, kann ich mir merken, denke ich und laufe los. Kaum sitze ich in der Tram, weiß ich natürlich nicht mehr, welches Wort es war. Doch Gott sei dank erinnere ich mich an ambássade und das werd ich auch gleich brauchen, weil ich mich natürlich wieder mal heillos verlaufe. Und als ich dann endlich um 18.36 Uhr total abgehetzt ankomme, sind die Tore schon zu. „Oh nein, verdammter Mist! Das wird Lucka, meine ehemalige Chefin gar nicht freuen, dass ich zu spät bin.“ Gerade denke ich darüber nach, ob ich mich einfach wieder davonschleichen soll? Nein, du klingelst jetzt, sagt mein Gehirn und der Finger drückt brav aufs Knöpfchen. Nachdem ich dem Mann an der Gegensprechanlage erklärt habe, was Sache ist, schnauzt er mich in einem sehr rüden Ton an, dass die Veranstaltung erst um 7 Uhr anfange, sie die Tore schon rechtzeitig aufmachen würden und ich gefälligst warten solle. Toll, so wird man doch von seiner Botschaft gerne begrüßt.

Ich rauche erst mal eine und überlege, wie ich die Zeit bis zur Öffnung der geheiligten Pforte vertrödle, als ein älteres Ehepaar um die Ecke biegt. Auch Deutsche und auch etwas irritiert, dass der Sesam noch nicht offen ist. Der Mann drückt auf die Klingel, und ratzfatz wird geöffnet. Scheinbar wichtige Leute: Ich kenne sie nicht, doch nutze ich die Chance, auch reinzukommen. Ohne es zu beabsichtigen wirke ich wohl wie die Enkelin der beiden, denn ich werde auf dem Weg ins Innere nicht einmal nach meinem Ausweis gefragt. Kaum bin ich in den geheiligten Hallen, habe mich meines Mantels entledigt und meine dauernd rutschende Strumpfhose wieder an die richtige Position gezogen, da erblicke ich auch schon meinen Autor, Martin Becker den ich oder der mich während seines Stipendiatenaufenthalts im Prager Literaturhaus betreut hat und der heute sozusagen als Ehrengast zugegen ist. Große Freude beiderseits. Gleich holen wir uns ein Gläschen Sekt und quatschen drauflos. Nach einer Weile gesellt sich auf Jaroslav Rudiš zu uns und ich fühle ich ganz mondän, chichi und olala. Wenn das die Hühner aus meinem Studiengang jetzt sehen könnten. Langsam geht die Veranstaltung auch los, ich nehme auf einem der mit Samt gepolsterten Stühlchen Platz und höre mir den Werdegang des PLD an. Danach gibt es lecker Essen. Eigentlich hätte ich jetzt genug von Chichi und Repräsentieren und würde gerne mit Martin in ein Kellerloch abhauen. Doch der will noch fleißig weiter Hände schütteln. Eineinhalb Stunden und zwei köstliche Crème brulée später habe ich aber wirklich genug und entschwinde allein in die Nacht. Meine erste wieder in Prag.

Bildnachweis:
Monika Kindermann

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