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| | Panorama | 17.4.2011

Filmgruppenausflug

Und schon wieder bin ich in der Stadt. Beinahe könnte man meinen, ich wohne wieder hier. Leider ist es diesmal nicht das pure Vergnügen, was mich hierher führt. Für das Projektmodul meines Studiengangs werde ich gleich ein Interview mit dem ehemaligen Chef von Radio Free Europe, Pavel Pecháček führen. Gleich heißt, wenn ich auf den letzten Metern zu ihm nicht doch noch in Ohnmacht falle.

Es ist Montag, 10 Uhr morgens, zusammen mit paní „schüchtern und zurückhaltend“, die heute für uns dolmetschen wird, laufen wir die Vinohradská hinab. Im Schlepptau haben wir den neuen Freund von paní „schüchtern und zurückhaltend“, den Angstmacher. Dieser entspricht dem von seinen Eltern gegebenen Namen trotz seiner imposanten Erscheinung, die mich immer an Revolutionäre aus dem Vormärz erinnert, so gar nicht. Aber vermutlich ist genau das der Grund, warum paní „schüchtern und zurückhaltend“ ihn so liebt und er mein bester Freund ist. Seine Aufgabe heute: Verhindern, dass wir beide weglaufen. Wir kommen vor dem Gebäude des Radiosenders an, wo meine Filmgruppe auf uns wartet. Die hatte ich gestern am Hauptbahnhof ihrem Schicksal überlassen, nachdem mich paní „schüchtern und zurückhaltend“ und der Angstmacher am Bahnhof abgeholt hatten. Obwohl beide um einiges jünger sind als ich, bin ich inzwischen als ihr Kind adoptiert worden. Dementsprechend überschwänglich war auch die Begrüßung am Bahnhof, schließlich hatte ich Mama und Papa schon ein paar Tage nicht mehr gesehen. Und während wir uns auf zu Čič machten, wo mich leckere Spaghetti Bolognese vom Angstmacher höchst persönlich gekocht erwarteten, zog die Filmgruppe Richtung Hotel. Ein Treffen zum Abendessen ein paar Stunden später in meiner alten Neighborhood ließ dann erneut die Befürchtung aufkommen, dass es keine so gute Idee war, mich aus Nervösiditätsgründen von der Gruppe abgesetzt und in einer mir vertrauten und wohlgesonnenen Umgebung zu nächtigen.

Der Grund? Well, let me introduce my filmteam. Da gäbe es das Schnuckelchen, den Gruppenschönling, wenn man so will. Der erfreut sich bei allen großer Beliebtheit, ist lieb und nett. Dann gäbe es da noch den Franken. Aufgrund der Tatsache, dass der Franke sich einige Mal weniger begeistert vom Projekt gezeigt hatte, ein bisschen konservativ und steif ist, zog er den geballten Hass von der Alten auf sich. Bei der Alten handelt es sich um das zweite weibliche Mitglied in unserem beschaulichen Reigen, der scheinbar in früher Kindheit mal jemand gesagt hat, der Welt fehle noch eine Oberzicke und die sich seither bemüht, diese Stelle zu ergattern. Kurz und gut, die Gruppendynamik war eigentlich nie wirklich vorhanden, und nun schon gleich zweimal nimmer. Meine Aufgabe als Chefin von dem Haufen hatte seit letztem Oktober darin bestanden, zu verhindern, dass die Alte dem Franken an die Gurgel geht, weil er ihrer Meinung nach zu faul sei, beziehungsweise zu verhindern, dass sie über das Schnuckelchen herfällt.

Kaum komme ich nun, innerlich zitternd wie Espenlaub, bei der Gruppe an und fühle, dass die Tatsache, eine Nacht zusammen im Hotel verbracht zu haben, zwar bei den Jungs zu einer Solidarisierung/Anfreundung geführt hatte, bei der Alten dafür aber die eh schon miese Laune in den Keller getrieben zu haben schien. Schmollend steht sie mit ihrer Divensonnenbrille vor dem Gebäude. Gut, dass der Angstmacher da ist!

Und dann kommt mein Interviewpartner, ein endloser Marsch durch Dutzende Sicherheitstüren und Metalldetektoren beginnt. Gut, dass paní „schüchtern und zurückhaltend“ da ist, die meinen Interviewpartner an meiner Stelle „anwärmt“, wie die überdrehte Tante vom BR, die uns in die große Kunst des Filmens eingeweiht hatte, es nannte, wenn man sich vorab ein bisschen mit seinem Opfer unterhält, um dessen Sprachtempo etc. herauszufinden. Dazu sehe ich mich gerade leider nicht ganz im Stande, und schon zweimal nicht auf Tschechisch. Eine halbe Stunde später sind wir dann in pan Pecháčeks Büro angekommen, wo uns eine extrem freundliche PR-Dame in Empfang nimmt. Diese spricht nicht nur perfekt Englisch, was uns das Leben doch sehr erleichtert, übersetzt sie doch alle unsere verrückten Drehideen für pan Pecháček, sondern, die uns auch die nächsten FÜNF Stunden quer durch das Gebäude begleiten würde. Ja, genau so lange dauert es nämlich, um ein eigentlich relativ gut geplantes Interview mit establishing shot, Zwischenszenen und Zwischenschnitten zu drehen, sich nicht vom CIA aus dem Gebäude schmeißen zu lassen und am Ende sich dann nicht nur so zu hassen, dass es zu einem kompletten communication breakdown kommt, sondern es auch zu schaffen, dass neun von zehn Aufnahmen komplett für den Müll sind. Doch soweit sind wir noch nicht.

Gerade bauen wir Licht und Kamera auf und ich habe endlich den Mut gefunden, mit meinem Interviewpartner zu reden. Um 11, also eine Stunden nach dem Treffen an den Toren vor Radio Svobodná Evropa, geht’s dann auch endlich los. Über 90 Minuten steht pan Pecháček mir nun Rede und Antwort über sein Leben, den Vater der ihn im Alter von 7 Jahren bei der Omi zurückgelassen hatte und über die Berge nach Deutschland geflohen war. Über den Prager Frühling, das erste Treffen mit den Eltern währenddessen, die eigene Flucht, die Arbeit beim Radiosender, den Kampf gegen den Kommunismus mit und für den Vater, die Beinahe-Entführung des eigenen Sohnes durch den Sicherheitsdienst ’89 auf dem Wenzelsplatz, den Sieg über das verhasste Regime und letztlich über sein großes Ideal der Wahrheit, dem er sein Leben untergeordnet hat. Ich sitze da, praktiziere aufmerksames Zuhören, so wie ich es gelernt habe, bin begeistert ob der Antworten, ängstlich, ob er auch genügend Emotionen zeigt, die die Dozenten doch sehen wollen, und unendlich angespannt. 1,5 Stunden auf Tschechisch hochgeistigen, komplexen Themen zuhören, verstehen, einordnen, abwägen, nachfragen und immer hoffen, dass die Aufnahmen gut werden. Als es dann vorbei ist, fühle ich mich um Tonnen erleichtert. Ich bedanke mich bei pan Pecháček für die Geduld, er meinte ich hätte es gut gemacht, woraufhin ich fast vor Stolz platze.

Eigentlich bin ich nun fertig, habe den schweren Teil hinter mir, denke ich gerade noch und würde mich gerne paní „schüchtern und zurückhaltend“, die sich nun alleine den Weg aus dem Gebäude zurück zum Angstmacher bahnt. Doch da habe ich mich geirrt. Was ich nun nämlich machen darf, ist bei weitem viel anstrengender. Musste die Gruppe beim Interview nämlich leise sein und eigentlich nur zuhören, was ich sage, so ist nun ihr Part an der Reihe; mit Zwischenschnitten, establishing shot ect. Ja, und da herrscht totale Uneinigkeit. Nun passte ich also die nächsten paar Stunden auf, dass die Alte den Franken net tötet, weil er ihrer Meinung nach wieder mal alles falsch macht, revidiere ihre eigenmächtig getroffenen Entscheidungen, wo was wie gefilmt wird und lache mir ins Fäustchen, als ihr die PR-Tante leicht angenervt zu verstehen gibt, dass sie es zwar bewundert, dass die Alte Tschechisch lernt und auch sprechen will, jetzt aber der falsche Moment wäre, dies auszuprobieren. Der Supergau kommt dann kurz vorm Ende, als ihr der Franke in beängstigender Lautstärke an den Kopf wirft, sie soll sich jetzt endlich mal zusammenreißen, sonst setzts was. Von diesem Moment an herrscht Eiszeit. Wir bringen den Dreh noch schnell zu ende, verabreden uns für morgen vor dem kůn und rufen ein Taxi, dass uns mitsamt den 20 Kilo Equipment ins Hotel fährt.

Dort wird dann weiter geschmollt, während sich beim Sichten der Aufnahmen herausstellt, dass ein Großteil nicht zu gebrauchen ist. Gut, dass Eiszeit ist, sonst würde es nun vermutlich zu einem Meuchelmord kommen. Ich verlasse das Szenario nun, da ich mich für das Treffen mit einem meiner Chefs und die danach geplante Erkundung des Prager Nightlifes noch umziehen will. Als ich Stunden später in etwas angeschickertem Zustand die Gruppe im Atmosphera wiedertreffe, bin ich gerade in ausgezeichneter Laune. Leider trifft das auf den Rest meiner Gruppe nicht zu. Ich bin froh, dass Mama und Papa auch da sind, damit ich mit wem meine gute Laune tauschen kann und mal wieder eine typische Prager Nacht einläuten kann…

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