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| | | 25.10.2010

Addicted to Pain, die Schmetterlinge fliegen oder auch Prag geht unter die Haut

Alles Möglichkeiten, wie man das, was ich an einem Mittwoch vor gar nicht allzu langer Zeit getan habe, nennen könnte. Ausnahmsweise habe ich mich nämlich mal nicht in eine dunkle Kellerkneipe begeben und mir auch nicht eine hoch geistige Kunstausstellung angesehen. Was ich getan habe, war vielmehr eine Mischung aus beidem. Damit meine ich nun nicht, dass ich mir eine Kunstausstellung in einer Kellerkneipe angesehen habe. Vielmehr habe ich mir einen lang gehegten Wunsch erfüllt und der war gewissermaßen eine Mischung aus Kunst und Rockerlifestyle. Denn als ich vor einem Jahr gen Osten aufgebrochen bin, war mir nicht nur klar, das wird mein Jahr, mein verdammt geiles Jahr, sondern auch, dass ich dieses verdammt geile Jahr mit einer dauerhaften Erinnerung besiegeln wollte.

So manch einem dürft nun wohl klar sein, wovon hier die Rede ist. Genau, wo bereits im Mai nach der Tattoo Convention angekündigt, habe ich mir in meinen letzten Tagen in Prag endlich mein langersehntes Tattoo als dauerhafte Erinnerung an meinen Aufenthalt in der Goldenen Stadt stechen lassen.So und bevor ich nun gleich lange und ausführlich von dieser geilen Erfahrung berichten werde, vorab eine Wahrung an alle Kinder: Macht das auf gar keinen Fall nach, es gibt nämlich ein hohes Suchtrisiko, oder wie mein Tätowierer so treffend sagte: Addiction to pain. Doch bevor ich wieder !!! (Oh mein Gott ja, ich habe meinen Körper schon zuvor auf diese Weise verunstaltet!!!) in den Genuss der Nadel auf meiner Haut kam, war es ein langer Weg.

Begonnen hat er, wie bereits erwähnt, schon vor über einem Jahr. Damals stand nur fest, dass ich mir in Prag noch ein Tattoo stechen lassen wollte. Das Motiv wird sich schon finden, dachte ich mir. Lange Zeit habe ich dann gar nicht daran gedacht. Erst als im Mai die Tattoo-Konvention war, kam der Wunsch ad hoc wieder in mein Bewusstsein und beim Surren der Maschinen und den leicht schmerzverzerrten, aber doch wohlig lächelnden Gesichtern der Menschen, die sich dort tätowieren ließen, wäre ich am liebsten gleich auf eine der Liegen gehopst und hätte mich der Nadel hingeben. Gott sei Dank bin ich diesem Verlangen nicht erlegen, sonst hätte ich jetzt einen doofen blauen Affen am Knöchel. Na, welch aufmerksamer Leser meines Blogs errät, wie ich auf diese fixe Idee gekommen bin? Ganz recht, wegen des Sepultura-Konzerts. Das war im Modrá Vopice, oder auf deutsch, im Blauen Affen. Das war zwar eine ziemlich geile Nacht, aber wie ich aus heutiger Sicht sagen kann, nicht die geilste und ich bin somit froh, nun keinen blauen Affen am Knöchel zu haben. Weniger gut war auch die Idee mit der Fledermaus im Nacken. Nach längerem Überlegen und vielen abschreckenden Beispielen auf der Tattoo Convention, stand irgendwann dann fest, es wird ein weiterer Schmetterling. Klein, fein, sexy und weiblich. Passend zu meinem ersten sollte er über selbigem meinen Rücken hinauf fliegen. 

Gut, die Entscheidung war gefallen. Nun musste ich eigentlich nur noch eine hübsche Vorlage finden. Und das war der wirklich harte Teil bei der ganzen Sache. Ewig und drei Tage wälzte ich Vorlagen, googelte mich durch sämtlich Tattooseiten. Aber irgendwie war nichts dabei, was mich überzeugte. Und da man ein Tattoo ja bekanntlich für den Rest seines Lebens hat, wollte ich mich nun auch nicht mit irgendeinem Schmetterling zufrieden geben. Da kam mir der Zufall mal wieder zur Hilfe, wie schon so oft in Prag. Ein Freund hatte gerade Besuch da und dieser schnieke Kerl war doch tatsächlich Tattoo Artist. Der erklärte sich auch gleich bereit, mir zu helfen. Dumm nur, dass er am nächsten Tag wieder in den kalten Norden zurückflog. Was folgte war eine längere Konversation via Mail, der Austausch von etlichen Fotos und meiner Meinung nach eine sehr genauen Beschreibung meinerseits, wie der zweite Schmetterling aussehen sollte. Nämlich genauso wie der erste, nur mit einer anderen Flügelhaltung. Tja, das war wohl zu wenig Herausforderung für meinen Tattoo Artist, denn was der so aufs Papier brachte entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen. Irgendwann hatte der dann auch die Nase voll und riet mir, mich einfach an den Tätowierer zu wenden. Cool, somit stand nun die Suche nach einen Tattoostudio an. Dank der Millionen von Visitenkarten, die ich auf der Convention gehamstert hatte, war ich ja gut vorbereitet. Tagelang durchsuchte ich dann das Web nach einem mir sympathischen Studio. Parallel dazu befragte ich auch sämtliche mir bekannten Tschechen mit Tattoo nach einem heißen Tipp. Irgendwann hatte ich dann ein Studio in der Vodičkova auserkoren und schleppte eine Arbeitskollegin als Dolmetscherin dorthin.

Als wir reinkamen, lag überall Bandequipment im Vorraum, auf den Sitzgelegenheiten tummelte sich eine ganze Band, während sich im Hinterraum der blondgelockte Sänger gerade die wohlgeformte Brust verschönern ließ. Kaum waren wir drinnen, stürmte auch gleich der Piercer auf uns zu, um uns zu beraten. So erfuhr ich dann, dass mich der Spaß 1500 Kronen kosten würde, sie terminlich extrem flexibel wäre, was bedeutete, ich hätte mich auch gleich auf die Liege niederlassen können und mir auch gerne mein Traummotiv entwarfen. Da die Kollegin aber unter Zeitdruck stand und der Tätowierer noch beschäftigt war, versandete das Gespräch dann erst mal an dieser Stelle. Bis ich mir dann einen Termin holte, vergingen nochmals ein paar Wochen. Doch nun stand ich unter Zeitdruck, schließlich rückte das Ende meines Pragaufenthalts immer näher. So nahm mich an einem Mittwochnachmittag all meinen Mut zusammen und stampfte nach der Arbeit alleine in den Tattooladen, da die Kollegin wenig Lust zeigte, mich nochmals zu begleiten und ich meinen Mitbewohner nicht mitnehmen wollte, sonst hätte ich dank seiner Beratung nun wohl ein Schwein auf dem Rücken.

Kaum hatte ich etwas verschüchtert den Laden betraten, tappte ich erst mal an den frisch gestrichenen Türstock und verpasste meiner Hand eine dreitägige Rotfärbung. Gerade als ich mich dank dieser Peinlichkeit schon wieder hochrot aus dem Laden verziehen wollte, kam jener Tätowierer vom ersten Besuch auf mich zu und frage, wie er mir helfen könne. Nun galt es. Ich raffte all meine Tschechischkenntnisse zusammen und begann dem guten Mann zu erklären, was ich wollte. Klappte erstaunlich gut. Keine 20 Minuten später verließ ich hochstolz und um 1000 Kronen Deposit ärmer den Laden. Der Termin stand und es machte den Eindruck, als hätte er auch kapiert, was ich wollte.

Als ich dann ein paar Tage später zurückkehrte und wie angekündigt von seinem Kollegen in Empfang genommen wurde, sah das ganze etwas anders aus. Besagter Kollege wirkte zunächst nicht nur eher desinteressiert, er wusste auch nicht wirklich, wie ich mir das nun vorstellte. Scheinbar hatte sein Kollege ihm erzählt, dass er mir die Vorlage, an Hand derer sie nur die Position der Flügel ablesen sollten, stechen sollte. Also, noch mal Hose runter, alten Schmetterling gezeigt und erklärt, wie ich es wollte.

Während sich der Künstler nun zurückzog, um die Vorlage zu malen und das Studio vorzubereiten, betete ich inständig, dass er nun verstanden habe, wie und was ich wollte. Die Zeit zog sich, ich würde immer nervöser. Schließlich lag mein erstes Tattoo nun doch schon fünf Jahre zurück und ich war heute irgendwie so gar nicht für Schmerzen bereit. Und überhaupt machte das Ganze nun doch keinen so seriösen Eindruck mehr. Je länger er brauchte, desto mehr ging ich Julia, meiner Händchenhaltperson auf den Nerv. Die war schon kurz davor, mich wieder aus dem Laden zu schleppen, so sehr jammerte ich.

Doch bevor ich fliehen konnte, war die Vorlage fertig und ich saß in der Falle. Und ich muss sagen, das war verdammt gut, denn was jetzt kam, war richtig cool. Die Zeichnung entsprach meiner Vorstellung. Als dann auch noch raus kam, dass mein Tätowierer Bulgare war und nicht perfekt tschechisch sprach, war das Eis gebrochen. Während wir uns nett unterhielten und ich ganz unauffällig mal seine familiären Verhältnisse auscheckte, denn wie mir nun auffiel, war der verdammt süß, platzierte er die Vorlage auf meinen Rücken und ließ mich auf der Liege Platz nehmen.

Und ehe ich mich versah, fühlte ich auch schon die Nadel auf meiner Haut. Die ersten fünf Minuten tat es etwas weh, aber dann setzte dieses magische, abhängig machende Gefühl ein, dass das Tätowieren zu so einer geilen Sache macht. Es ist nicht so sehr das fertige Bild, was den Reiz ausmacht, sondern dieses Prickeln, dieser angenehme Schmerz, den man fühlt, wenn einem die Farbe unter die Haut gestochen wird. Sehr zu meiner Freude dauerte es dieses Mal auch fast eine Stunde, denn das Schnuckelchen gab sich besondere Mühe, das kleine Muster auch perfekt zu stechen. Während Julia dann Dutzende Bilder machte und ihrerseits den Tätowierer anschmachtete, schloss ich die Augen und gab mich ganz dem Surren der Nadel hin.

Viel zu früh wurde ich dann aus meinem Rausch erweckt, der Schmetterling war geschlüpft. Begeistert begutachtete ich das Kunstwerk auf meinem Körper. Einfach wow. Nun musste das gute Ding noch ein bisschen ausbluten, ehe mein neuer Traummann es noch ein letztes Mal eincremte und verband. Dann tauschten wir uns noch etwas über die Hochgefühle aus, die man beim Tätowieren bekommt, Julia und ich lobten das Werk, was ihn sichtlich freute, ich bezahlte die restlichen 500 Kronen und dann war es auch schon vorbei.

Was mir blieb war für den Rest des Tages ein leichten Ziepen, zwei bis drei Stunden absolutes Highsein, eine Woche ohne Dusche und eine wunderschöne dauerhafte Erinnerung an Prag. Und eines steht fest: Das war nicht der letzte Schmetterling und zumindest in meinen Träumen auch nicht das letzte Mal, dass der schnuckelige Bulgare an meinem Körper rummacht.

Bildnachweis:
Monika Kindermann

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