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Vom trampenden Teufel und Maden in Hongkong – mein erstes Mal im Národní divadlo

Es ist kurz nach halb fünf nachmittags‚ langsam dämmert es in Prag. Es regnet. Ich tripple durch die Stadt, immer schön darauf bedacht, mit den Absätzen nicht in einer der tausend Ritzen und Fugen zwischen den Pflastersteinen hängen zu bleiben oder in eine der dutzenden Pfützen zu tatschen. Vergeblich! Galant hält mir meine Begleitung den Arm hin.

Wir sind auf dem Weg zum Národní divadlo, wo gleich im Rahmen des Prager Theaterfestivals Deutscher Sprache eine Lesung des schweizer Autoren Franz Hohler mit dem Titel „Groteske Geschichten“ stattfinden wird. Es ist mein erstes Mal im Nationaltheater. Gespannt schiebe ich mich durch den roten Samtvorhang. Mit großen Augen bestaune ich das Interieur, doch habe ich dafür nicht viel Zeit, denn gleich beginnt die Lesung. Vor mir tut sich nun ein mir unbegreifliches Tunnelsystem auf, das wie das verwinkelte Innere einer Burg wirkt, mit vielen Geheimgängen, in die ich nun eindringe.

Mit geübtem Schritt führt mich meine Begleitung, ein theaterkundiger Einheimischer (wie im Übrigen fast alle Tschechen die ich bisher kennen gelernt habe), immer weiter die Treppen hinab, bis wir schließlich an der Garderobe ankommen. Fast bin ich ja enttäuscht, dass sich im Bauch des Labyrinths nun doch etwas so alltägliches wie eine Gardarobe befindet, und wir nicht auf den Minotaurus gestoßen sind. Doch nun genug der Träumerei, wir sind schon spät dran. Ruck-Zuck haben wir die Jacken abgegeben und sind wieder hinauf an die Oberfläche. Doch kaum sind wir in dem Saal, in dem die Lesung stattfinden soll, angekommen, schon könnte ich wieder in eine Traumwelt abdriften. Ich bin Sisi und mein Begleiter, der sich für diesen Besuch extra in einen Anzug geschmissen hat, neben dem ich mir in meinem Angorajäckchen, auf das ich nun, nebenbei erwähnt, auch gerade etwas allergisch reagiere, nun doch schon fast schäbig vorkomme, ist Kaiser Franz. Wir schreiten zusammen in eine der Logen mit einem kleinen Spiegel an der Seite, einer Lampe und ganz vielen Goldverzierungen außen. Langsam kann ich mir vorstellen, warum es hier Führungen für Touristen gibt – das Theater ist wirklich ein Kleinod.

Mittlerweile habe ich mich auf einem der gepolsterten Sitze niedergelassen. Rings um mich ein ausschließlich deutsches Publikum, dessen Durchschnittsalter meine Begleitung und ich doch erheblich absenken und von dem sich so manch einer vor dem Besuch des Theaters doch besser noch einmal umgezogen hätte. Aber so fühle ich mich nun wenigsten nicht mehr underdressed.

Doch nun genug der Beobachtungen, denn schon kommt der Autor auf die Bühne. Ich muss ja gestehen, ich habe keine Ahnung, wessen Werke ich mir da nun gleich anhören darf. Aber wie ich so sehen kann, macht er einen ganz sympathischen und lockeren Eindruck. Als Einstieg gibt er dann erst eine Schöpfungsgeschichte zum Besten. In dieser bekommt Gott eines Tages einfach so eine Schachtel Erbsen. Das findet er merkwürdig und lässt die Kiste in der Ecke stehen. Nach einer Woche fangen die Erbsen dann an zu gammeln, und schießen dabei aus den Hülsen in den Weltraum. Daraus sind dann die Planeten entstanden. Und auf der winzigsten Erbse haben sich dann alle möglichen Lebewesen entwickelt, die dachten Gott habe sie erschaffen. Dieser wehrte sich nicht gegen die Verehrung, fragt sich aber bis heute „wer zum Teufel“ ihm die Erbsen geschickt hat. Dieses religiöse Motiv behält Hohler dann auch in einer anderen Geschichte bei, in welcher der Teufel nach Rom trampen will und dabei von einem sanften Langhaarigen mitgenommen wird. Wie sich herausstellt handelt es sich dabei um Jesus, der ebenfalls in den Vatikanstaat unterwegs ist, um den Papst zu erschrecken. Diese Vorstellung gefällt dem Teufel und die beiden beschließen, zusammen den heiligen Vater aufzusuchen, woraufhin Jesus aufs Gaspedal tritt und beide gen Süden rasen.

Nun verlässt Hohler die Religion und geht zur Wissenschaft über. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit der Theorie von Stephan Hawking, dessen Werke er einfach nicht versteht. Während dieser Lektüre seien ihm aber Ideen zu seinen Schöpfungsgeschichten gekommen, von denen er gut ein Dutzend geschrieben hat. Die eben vorgetragene mit den Erbsen habe er sich dann auch ins Englische übersetzten lassen und Hawking geschickt. Dieser habe darauf zwar nie geantwortet, jedoch in seiner nächsten Theorie verlauten lassen, dass das Weltall zu Anfang nicht größer als eine Erbse gewesen sei!

Neben diversen anderen kleinen Geschichten kommt Hohler unter anderem auf seinen ersten Auftritt in der Tschechoslowakei 1967 im Viola zu sprechen. Zu jener Zeit sei sogar Václav Havel vorbeigekommen, erzählt er mit Stolz. Er holt eine alte Programmankündigung hervor, die er ordentlich archiviert habe, wie er berichtet, und liest den tschechischen Text vor, der ihn damals dem Publikum ankündigte. Nun lässt er uns wissen, dass er sich seinerzeit auf seinen Auftritt hier vorbereitete, indem er begann Tschechisch zu lernen. Dafür habe er sich extra ein Tschechisch-Lehrbuch aus der DDR beschafft. Dieses nimmt er nun zur Hand und gibt einen Einblick, wie man zu Zeiten des Kommunismus im Bruderstaat tschechisch lernen sollte. Dass zum grossteil einige Brocken Tschechisch verstehende Publikum kringelt sich dabei auf den Sitzen und auch meine Begleitung ist happy, dass nicht nur ausschließlich Deutsch gesprochen wird, welches er nämlich nicht versteht. Nach einigen „anos“ und „nees“, der Konjugation diverser Hilfsverben, der Frage „Kde je nádraží“ und weiterem, von der DDR als wissenswertem, Basisvokabular kehrt Mahler dann doch wieder zum Deutschen zurück. Nun gibt er ein selbstgedichtetes Lied über den Weltuntergang zum Besten. Darin verschwindet auf einer kleinen Insel im Pazifik eines Tages ein kleiner dreckiger Käfer, weil er sich falsch ernährt habe. Das Aussterben des Käfers zieht das verschwinden eines Vogels, dessen Nahrung der Käfer war, nach sich. Daraufhin verschwindet eine Sorte Fisch, die sich von Kot des täglich über das Meer fliegenden Vogel ernährt hatte, sodass die Fischer nun vermehrt andere Fische fangen und so weiter, bis es letztlich zum Zusammenbruch des Ökosystems kommt, die Pole schmelzen und die Menschen in die Berge flüchten wo sie sich schließlich wegen der letzten verbleibenden Lebensräume bekriegen. Nach diesem anschaulichen Lied, dass uns detailliert vermittelt, wie wir eines Tages wohl alle streben werden, kommt Hohler nun zu einer kleinen Geschichte über die „Made in Hongkong“. Hierbei handelt es sich nicht etwa um eine Belehrung in Wirtschaftswissenschaften, wie man bei diesem Titel annehmen könnte. Hohler macht hier vielmehr ein Wortspiel: Seine Made ist nicht die Präsens-Perfekt-Form von „make“, sondern ein sehr kleines Insekt. Die Made, welche die Hauptrolle in der nun folgenden Geschichte spielt, wurde aufgrund ihrer Winzigkeit von den anderen Maden gehänselt, woraufhin die kleine Made beschloss, etwas Großes zu vollbringen, um Anerkennung von den andern zu bekommen. Sie wollte nach Hongkong gehen. Am Flughafen angekommen, krabbelt sie in eine Kiste, in der sich Gold befindet. Diese wird per Zufall nach Hongkong geflogen. Nun könnte man denken, dass die Geschichte schon zu Ende sei, doch weit gefehlt. Dort angekommen wird die Kiste nämlich von Räubern gestohlen und an einem geheimen Ort versteckt. Diese werden jedoch beim nächsten Diebstahl von der Polizei erschossen, sodass die kleine Made nun die einzige ist, die weiß wo die Kiste mit Gold versteckt ist. Sie verkauft daraufhin das Gold und ist reich. Nun hat sie das Problem, wie sie ihre Artgenossen zuhause wissen lässt, dass sie auch tatsächlich in Hongkong angekommen ist. Ihr fällt ein, dass im Garten, wo die Anderen leben, ein Kinderspielplatz ist. Daraufhin kauft sie sich sämtliche Spielzeugfabriken in Hongkong und ordnet an, auf die produzierten Spielzeuge „Made in Hongkong“ schreiben zu lassen. Und so erfahren die anderen Maden, als die Kinder vom Spielplatz neue Spielsachen bekommen, dass die kleine Made doch tatsächlich erfolg hatte. Aber wie Hohler hinzufügt, zum Erfolg gehört auch ein klein bisschen Glück, denn alle anderen Maden, die sich nun auch auf nach Hongkong machen wollen, werden entweder schon auf dem Weg zum Flughafen von Vögeln gefressen, oder besteigen Kisten, die nicht nach Hongkong reisen. Nach noch zahlreichen weiteren lustigen Geschichten endet diese kurzweilige Vorlesung schließlich mit einem Lied über ein Land in dem alles aus Käse ist.

Ich für meinen Teil habe mein erstes Mal im Národní divadlo sehr genossen und tripple am Arm meines Begleiters wieder in das inzwischen dunkle Prag hinaus.

Externer Link: www.narodni-divadlo.czwww.narodni-divadlo.cz
Bildnachweis:
Monika Kindermann

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