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| | Musik | 6.8.2010

Balkanbeat, Baby

Das war das Motto letzten Dienstag, als sich halb Prag zu einem großen Gedränge und Geschubse rund um die Karlsbrücke und die Schützeninsel einfand. Der Grund: Der kroatische Musiker Goran Bregović gab im Rahmen des neu eingeführten „Prag-Sommernachtstraum-Festivals“ ein Gratiskonzert, und das mitten in der Moldau. Stellte sich für mich ja die Frage, ob das ein weiterer Versuch der Stadt (oder besser: der ODS) war, Stimmen zu sammeln für die Wahl? Wie dem auch immer sei, war ein echt schöner Abend.

Eigentlich war ich ja vorgewarnt. Tschechen lieben erstens alles was gratis ist. Ok, das tun vermutlich alle Nationen und zweitens stehen sie wahnsinnig gerne in einer Schlange an. Gut Schlangen gab’s nun nicht, wenn man von den Millionen Menschen, die sich um ein Bier bemühten, mal absieht. Aber dafür Gedränge und zwar viel. Und so wie es aussah, ist Schlange stehen für die Tschechen gleichbedeutend mit Gedränge. Fand ich doof. Aber um ehrlich zu sein, war es mir klar. Wem das nicht klar war, war mein Sprachpartner, mit dem ich mich auf dieses Event der Extraklasse begab. Anstelle sich, wie von mir vorgeschlagen, einfach an der Treppe zur Schützeninsel zu treffen, lotste mich der Heini zuerst zur Sophieninsel, um dann festzustellen, er kommt durch die Menschenmassen nicht durch und wir treffen uns nun doch vorm Národní divadlo.

Als ich ihn da dann endlich gefunden hatte, und die Tatsache, dass wir beide nun nicht gerade riesig sind, gab der Sache noch mal einen Extra-Kick, war es schon verdammt spät. Also, falls man auf der Insel einen Platz haben will, von dem aus man auch was sieht. Dass ich auch eine von den 100000 Gratisrosen haben wollte und er mir das vermasselt hat, davon rede ich am besten gar nicht. Als wir dann 20 Minuten vor Konzertbeginn endlich auf der Insel waren, kam ich auf die seiner Meinung nach doofe Idee, ein Bier zu wollen. Ja, die Idee war auch doof, weil sich an den Bierständen Schlangen gebildete hatten, die locker einmal um den Erdball gereicht hätten. So gab ich dann nach 10 Minuten Anstehen verzweifelt auf und beschloss, das Konzert eben ohne Bier zu überleben.

Dann zog ich also meinen offensichtlich nicht begeisterungsfähigen Begleiter weiter Richtung Ufer. Und oh Wunder, da saßen schon Millionen von Menschen und dahinter drängten sich weitere Millionen. Gerade als meine Laune sich schon komplett in den Keller begeben wollte, weil ich nämlich hinter all den Massen so gar nichts sah und ich mich ärgerte, warum wir uns denn nicht ein Tretboot gemietet hatten und so wie all die klugen Leute nun direkt vor der schwimmenden Bühne in der Moldau vor Anker gingen, da kam es vor mir zu einer gruppendynamischen Bewegung, die einen kleinen Spalt freigab. Nun war es gut, dass ich so winzig bin. Ratzfatz stieß ich in den Spalt vor und zog meinen grimmigen Sprachpartner hinterher. Da steig meine Laune doch gleich wieder. Die Sicht war nun gut, wenn auch nicht perfekt, aber von der Insel aus war das eh nicht möglich, da die Bühne quer zu uns stand.

Schon ging’s los. Gerade stand noch eine Dame in langem weißem Wallegewand auf der Bühne und kündigte Bregović an, da brauste dieser auch schon mit einem Schiffchen an. Kurz angedockt, ausgestiegen und sofort wird losge… äh ja wie nennt man das denn? Losgebalkant trifft es wohl am besten, auch wenn das nun kein deutsches Wort ist. Auf der Bühne standen, soweit ich das sehen konnte, mindestens zehn Leute. Neben dem Wedding and Funeral Orchestra auch ein paar Damen in Tracht. Und die zusammen erzeugten einen echt guten Sound.

Erst standen, beziehungsweise saßen die Massen noch etwas verhalten rum und lauschten den Beats. Doch je weiter der Abend fortschritt, und bei einem 2,5 Stunden Konzert konnte der ganz schön weit fortschreiten, desto lustiger wurde das Treiben. Nach begeistertem Klatschen kam semihysterisches Schreien, gefolgt von den ersten Tanzbewegungen und irgendwann hatte man so ein bisschen das Gefühlt, man wäre auf einem Hippie-Sit-In. Überall packten die Leute ihren Alkohol aus. Und wer keinen Alkohol dabei hatte, der rauchte eben ein bis fünf Tütchen. Frauen jeden Alters begannen nun die Hüften im Takt der Musik kreisen zu lassen. Verbrüderungswellen, die das ganze Ufer zu erfassen schienen, setzten ein und kurzzeitig hatte man den Eindruck, alle haben sich ganz doll lieb. Bis sich dann von den hinten stehenden Leuten einer einen Sitzplatz suchen wollte. Da wurde dann ganz schnell klar, dass das sich in den Armen liegen Grenzen hat, nämlich wenn der Platz um selbiges zu tun, bedroht wurde. Einigen schien das sich den in der Armen liegen ein bisschen zu Kopf gestiegen zu sein, oder sie wollten Bregović mal von Vorne und nicht nur von Seite. Ratzfatz rissen sie sich die Kleider vom Leib, sprangen ins kühle Nass, schwammen zur Bühne und dockten sich an eines der Dutzenden Boote an. Dort schien die Party auch gut abzugehen. Die Leute standen auf den Booten und tanzen wie wild. Ich war ja sehr erstaunt, dass keiner ins Wasser gefallen ist. Aber zur Sicherheit patrouillierte immer wieder die Wasserwacht, die die Schwimmer dann auch aus dem Verkehr zog. Unter lautem Gejohle kamen sie wieder an Land zurück.

Während es langsam dunkel wurde und unzählige Opas mit ihren Omas und Eltern mit ihren Kindern in kleinen Schiffchen an uns vorüberzogen, war ich der Meinung, wir sollten uns langsam auch einen Sitzplatz erobern. Schließlich war ich nun bereits fast 16 Stunden wach und hatte 7 davon gearbeitet. Und da ich weder einen Stuhl noch Bier, und bevor ihr nun doof fragt auch kein Tütchen hatte, zog es mich doch so langsam in eine bequemere Position. Und siehe da, ganz ohne Ausschreitungen konnten wir uns ein Fleckchen erobern. Hier konnte ich nun auch endlich hübsche Videos machen, ohne, dass ich immer von hinten geschubst wurde. Das dachte ich zumindest, denn das Mädchen neben mir fing nun zu tanzen an.

Ich fand diese Mischung aus Radetzky-Marsch und Gangsterrap ja ein bisschen gefährlich, doch mein Begleiter war da anderer Meinung. Denn so wie es aussah, hatte sie wohl vergessen, sich unter der Minilatzhose irgendwas anzuziehen. Und damit meine ich auch kein Unterwäsche. Das wiederum fand meine Begleitung, die trotz der Tatsache, dass sie Bregovićs Musik angeblich schon kannte und mochte, den ganzen Abend keine Mine verzogen hatte, ganz doll.

Als Leckerbissen für alle, kam nun Karel Gott angeschippert, hüpfte auf die Bühne und sang zwei Lieder mit Bregović. Leider war keines davon Biene Maja! Dann heizte Bregović der Menge noch ein Weilchen selber ein. Und während ich mich noch fragte, wo die angekündigten Zehntausend Schwimmkerzen waren, die die Moldau und Prag in einen Sommernachtstraum verwandeln sollten, gingen auf der Bühne die Lichter aus und das Feuerwerk fing an. All diejenigen, die das Konzert von der Karlsbrücke aus beobachtet hatten, dürften sich über die Platzwahl nun gefreut haben. Sah man vom Konzert vermutlich recht wenig, fand das Feuerwerk direkt vor ihrer Nase statt. Ich sah nur ein paar Lichtblitze zwischen den Ästen, aber dafür war ich ja auch nicht hierher gekommen. Und die Hauptsache hatte ich gesehen und auch gehört. Und während die Aberdutzenden von Schiffchen langsam den Heimathafen ansteuerten, Bregović noch einmal unter viel Gejubel an uns vorbeischipperte und auf der Schützeninsel eine Spontanjamsession begann, holte ich mir endlich ein Bier, setzte mich ans Ufer und ließ die Balkanbeats noch ein bisschen in meinen Ohren nachklingen.

Bildnachweis:
Monika Kindermann

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