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Der Autor

Stanislav Beran ist freier Journalist und Korrespondent mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur. Nach seinem langjährigen Aufenthalt in München lebt er in Tschechien.

Als Auslandskorrespondent berichtet er aus dem Isergebirge für verschiedene Zeitungen und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum.

Er ist Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache, Herausgeber der Friedländer Zeitung und Heimatforscher.

Auch die Website https://friedlandinbohmen.jimdo.com, auf der man Informationen zur Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Friedland in Böhmen und die vielseitige Geschichte des Landes unserer Ahnen finden kann, wurde von ihm erstellt.

Für den Blog auf Tschechien Online schreibt er seit April 2015.

Im Internet: friedlandinbohmen.jimdo.comfriedlandinbohmen.jimdo.com
Bildnachweis:
Stanislav Beran

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| | Panorama | 6.10.2018

Auf den Spuren des Autoherstellers Christian Linser

  • 29.10.1905, Wien
  • Im Reichenberger Rathhaus ( von links: Jiří Němeček, Angelika Linser und ihr Eheman Petrus Hendriksen)

Angelika Linser und ihr Mann Petrus Hendriksen aus Seefeld in Tirol wandelten Anfang September in Reichenberg (Liberec) auf den Spuren des Autoherstellers Christian Linser. Angelika Linser ist die Urenkelin des aus Tirol stammenden Firmengründers und Inhabers der 1858 – vor 150 Jahren – gegründeten Firma Christian Linser. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte die Familie Linser zu der Gruppe von Industriellen, die den Aufschwung in Reichenberg ankurbelten.

Reichenberg, wo ihr Urgroßvater gelebt und vor 112 Jahren das erste Auto gebaut hat, besuchte sie nun zum ersten Mal. Bereits in den siebziger Jahren hatte sie versucht, ein Einreisevisum zu bekommen – vergeblich. Heute ist sie eigentlich glücklich, das sie erst jetzt in die Stadt unter dem Jeschken kam. Sie suchte in den Archiven nach Informationen und sah sich die Stelle an, auf der die erste Linser-Fabrik gestanden hatte. Eines der Häuser steht noch. „In Gedanken ging ich mit meinem Großvater die Treppe rauf und runter und fragte mich, wie oft er da wohl gegangen ist.“

Beim feierlichen Empfang im Reichenberger Rathaus waren der stellvertretende Oberbürgermeister für die technische Verwaltung, Tomáš Kysela, der Direktor des Technischen Museums in Reichenberg, Jiři Němeček und die Vorsitzende des Autoklubs in Reichenberg, Miluše Kuntová-Oherová zugegen.

Nach der Begrüßung und dem Eintrag in das Ehrenbuch der Stadt fand eine Pressekonferenz statt. Tomaš Kysela möchte, das die bereits vergessene Geschichte wiederentdeckt und erforscht wird: „Ich sehe die Verbreitung von Christian Linsers Vermächtnis als unsere Pflicht gegenüber dieser bedeutenden Familie, vor allem als die Pflicht gegenüber der Geschichte unserer Stadt. Die meisten Menschen haben nicht die geringste Ahnung, wie die Industrie in Reichenberg entstanden ist, wie sich unsere Stadt entwickelte und welche Firmen dahinter standen. Gerade das erste Fahrzeug von Christians Linser ist einer der vielen großen Meilensteine in der Geschichte von Reichenberg, an die wir uns öfters erinnern sollten. Daher ist es für mich eine große Ehre, das ich persönlich Angelika Linser, die das Vermächtnis von Christian Linser verwaltet, getroffen habe und begrüßen konnte. Ich glaube, das sich mit Hilfe des Technischen Museums und des Autoklubs Reichenberg die Geschichte der Familie Linser in das Bewusstsein der Menschen in unserer Region einprägt.“

Angelika Linser, die bereits einige Orte, die mit dem Name Christian Linser verbunden sind, besucht hatte, sagte: „Der Besuch in Reichenberg ist für mich ein großes Erlebnis. Ich danke allen für den freundlichen Empfang und dafür, das hier für mich alle Türen offen sind. Das ist etwas Erstaunliches. Ich fühle mich hier wie zu Hause. Von meinem Vater und meinem Großvater habe ich viele Geschichten über Reichenberg gehört, und diese Erinnerungen verwandeln sich jetzt in Wirklichkeit. Es ist eine Art Film für mich. Ich mus sagen, das Reichenberg eine schöne Atmosphäre hat und das hier sehr nette Menschen leben. Ich freue mich, dass es Leute gibt, die versuchen, die Marke Linser wiederzubeleben.“

Eine Linser-Ausstellung könne zum Beispiel im Technischen Museum entstehen, sagte Museumsdirektor Němeček: „Diese Ausstellung sollte nicht so sehr von der Technik abhängen, da wir keine Produkte der Firma haben. Wir würden vielmehr gerne an die längst vergangene Zeit erinnern, in der es zum wirtschaftlichen Aufschwung kam, und an die Verbindungen zwischen der deutsch- und der tschechischsprachigen Bevölkerung. Die Zeiten, die dies bestritten, liegen glücklicherweise hinter uns. Wir möchten, das diese Beziehungen so, wie früher auf natürliche und freundliche Weise wieder entstehen. Schade ist, dass die meisten Bewohner von Reichenberg nicht mehr wissen, das die Firma Christian Linser hier einst Autos produzierte.“

Zum Schluss fand eine Führung durch das historische Rathaus statt. Ein weiterer Besuch galt dem Rathausturm mit seiner wunderbaren Aussicht auf das Stadtzentrum und den Jeschken. Am selben Tag besuchte Angelika Linser auch das Technische Museum in Reichenberg. Der Besuch bewies, das man auch trotz unterschiedlicher Ansichten in der Vergangenheit zu versöhnlichen und konstruktiven Lösungen kommen kann.

Nordböhmen war schon immer eine wichtige Industrieregion. Unter den größeren Städten zeichnete sich Reichenberg aus, wo neben den traditionellen Textilbetrieben schon bald viele Maschinenfabriken entstanden. Der gebürtige Tiroler Christian Linser, der Mut und ein bewundernswertes Geschäftstalent besaß, gründete 1858 in Reichenberg seine Kupfer- und Metallwarenfabrik. Seine Erwartungen wurden bald erfüllt, und die Firma begann zu florieren. Aus einer kleinen Werkstatt wuchs sie zu einer mittelständischen Fabrik heran und erweiterte schrittweise das Produktionssortiment. Nach der Eröffnung einer eigenen, modern ausgerüsteten Gießerei war er in der Lage, alles von einfachen Metallgegenstanden bis hin zu komplexen Dampfmaschinen zu produzieren.

Spezialität war die Produktion kompletter Ausrüstungen für die Feuerwehr, aber damit war er nicht zufrieden. Der Tiroler Unternehmer suchte etwas Ausergewöhnliches. In der Geschichte ist er hauptsächlich als Pionier des Autofahrens bekannt.

Am Ende des 19. Jahrhunderts entschied er sich schließlich für Fahrräder. 1902 begann er, in seiner Werkstatt Motorräder mit der Markenbezeichnung Linser & Zeus zu produzieren. Den größten Aufschwung nahm das Unternehmen 1906, als es ein Motorrad nach dem anderen produzierte. Die Produktion von Zeus & Linser-Motorradern wird rund 200 Stück geschätzt. Davon wurde der Großteil an Kunden in Deutschland verkauft.

Die Firma Christian Linser in Reichenberg gewann im Juli 1905 auf der Leipziger Rennbahn beim 25-Kilometer-Rennen die sächsische Bundesmeisterschaft für Motorräder. Fahrer war Franz Lust mit acht Runden Vorsprung. Mit einem Linser-Motorrad gewann auch am 24. Juli 1905 der Fahrer Mehnert auf der Margaretener Rennbahn in Wien das Zehnkilometerrennen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Das Werk stand in vollster Blüte, und Christian Linser entschied sich, diesen Aufschwung zu nutzen. Er begann ein noch anspruchsvolleres Transportmittel zu bauen – ein Auto. Sein Traum wurde Wirklichkeit. Am 20. März 1906 stellte er auf der sechsten Internationalen Wiener Automobilausstellung sein neues Auto – die Voiturette – vor.

Es hatte einen Vierzylindermotor, und die Experten schätzten es vor allem wegen seiner perfekten Verarbeitung. Dies war der erste Vierzylinder in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der wassergekühlte Viertaktmotor mit Kubikzentimetern Hubraum hatte eine Leistung von zwölf PS. Ausser der von Robert Bosch gelieferten 1640 Zündung und den Reifen von Michelin stammte alles bis zur letzten Schraube aus der Produktion der Linser-Fabrik.

Auch bei den nächsten Ausstellungen – im April beim Prager Autosalon und von Juni bis November bei der Deutsch-Böhmischen Ausstellung in Reichenberg – erregte sein Auto große Aufmerksamkeit, aber der erhoffte Erfolg blieb aus. Das Fahrzeug wurde fast zwei Jahre lang produziert; der Plan war zehn Autos pro Monat. Aber die Realität war weit davon entfernt. Die Pkw-Hersteller Laurin & Klement und Walter waren finanziell viel stärker, und Linser war nicht stark genug, um mit ihnen zu konkurrieren. Linser produzierte noch einige Autos, gab dann aber den Kampf gegen die Übermacht auf.

Wegen der hohen Produktionskosten verkaufte Linser sein Unternehmen 1907 der von Theodor von Liebieg neu gegründeten Gesellschaft Reichenberger Automobil Fabrik (RAF). 1913 übernahm Laurin & Klement auch die RAF. Unbekannt ist, ob noch irgendwo Linser Autos existieren. Ebenso wenig bekannt ist, wie viele überhaupt hergestellt wurden. Von den Motorrädern befinden sich angeblich vier im Ausland.

Die damalige Presse berichtete:

„Im Register für Genossenschaften wurde am 1. Dezember 1902 beim Reichenberger Kreisgericht folgende Firma eingetragen: Reichenberger Genossenschafts-Brauerei in Heinersdorf. Ihr Zweck ist Errichtung und Betrieb einer Brauerei. Als Präsident wurde in den Verwaltungsausschuss der Metallwarenfabrikant Christian Linser aus Reichenberg gewählt.“

2. Juni 1931: „Die von der Firma Christian Linser in Rosenthal gefertigte Motorspritze wurde bereits von der freiwilligen Feuerwehr in Sankt Katharinaberg übernommen. Die Prüfung ergab ein einwandfreies Resultat, auch die bis jetzt gemachten Versuche waren äußerst zufriedenstellend. Die Spritze ist nach den neuesten technischen Erfahrungen gebaut, ihre Leistung bis zum möglichsten gesteigert und entspricht allen Anforderungen. Es ist ein Beweis, das die Firma Linser bestrebt ist, nur Qualitätsarbeit zu liefern.“

Weiter lesen wir in der zeitgenössischen Presse: „Am 15. Januar 1915 starb der Fabrikant Christian Linser in Reichenberg im 81. Lebensjahr. Linser war in Reschenscheidegg in Tirol geboren, kam bereits 1858 nach Reichenberg und erfreute sich in seinem großen Freundes- und Bekanntenkreis allseitiger Beliebtheit. Der Verstorbene, der sich in früheren Jahren im öffentlichen Leben betätigte, gehörte von 1886 bis 1910 dem Stadtratskollegium an und wurde im Jahr 1904 zum Stadtrat gewählt. Er gehörte auch der freiwilligen Feuerwehr in Reichenberg seit ihrer Gründung an und wurde 1886 zum Oberkommandanten gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis zum Jahr 1893. Auch die Stelle als Obmann des Reichenberger Bezirksfeuerwehrverbandes bekleidete er mehrere Jahre. Seine Tätigkeit auf dem Gebiet des Feuerlöschwesens fand auch durch die Verleihung des Goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone die kaiserliche Anerkennung. Der Verstorbene hinterlies einen Sohn, Rudolf Linser, den damaligen Chef der Firma. Seine Gattin und Tochter Anna, verehelichte Bogner, starben bereits vor Jahren. Die Beerdigung fand am Sonntagvormittag, 17. Januar 1915, in Reichenberg statt.“

Bildnachweis:
Stanislav Beran

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