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Der Autor

Stanislav Beran ist freier Journalist und Korrespondent mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur. Nach seinem langjährigen Aufenthalt in München lebt er in Tschechien.

Als Auslandskorrespondent berichtet er aus dem Isergebirge für verschiedene Zeitungen und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum.

Er ist Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache, Herausgeber der Friedländer Zeitung und Heimatforscher.

Auch die Website https://friedlandinbohmen.jimdo.com, auf der man Informationen zur Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Friedland in Böhmen und die vielseitige Geschichte des Landes unserer Ahnen finden kann, wurde von ihm erstellt.

Für den Blog auf Tschechien Online schreibt er seit April 2015.

Im Internet: friedlandinbohmen.jimdo.comfriedlandinbohmen.jimdo.com
Bildnachweis:
Stanislav Beran

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| | | 24.7.2017

Zum 140. Todestag von Carl August Preibisch

Zur Erinnerung an den 140. Todestag Karl August Preibischs zelebrierten der Friedländer Pfarrer Vít Audy und Pfarrer Michael Dittrich aus Löbau am 1. Juli, einen Tag vor Mariä Heimsuchung und der Haindorfer Wallfahrt, in der Sankt-Anna-Kirche in Dittersbach unmittelbar an der deutsch-tschechischen und tschechisch-polnischen Grenze in dem ehemaligen Kreis Friedland gemeinsam und zweisprachig - tschechisch und deutsch - eine Heilige Messe. Heute gehört Dittersbach zum Kreis Reichenberg.

Vor dem Gottesdienst begrüßten der Dittersbacher Bürgermeister Daniel Kopecký, und Monika Filová vom neugegründeten Verschönerungsverein Dittersbach die Kirchgänger. Die meisten der etwa 50 Besucher der erstmals 1409 erwähnten gotischen Kirche waren ehemaligen Bewohner der Ortschaft, die nach der Kapitulation Deutschlands 1945 vertrieben wurden.

Zu den Gästen zählte auch der Ortsbetreuer von Dittersbach, Rudolf Jarisch aus Wittenberg, der sich an den Vorbereitungen dieses Gedenktages beteiligt hatte. Nach der Messe hielt Monika Filová in der Kirche einen Vortrag über die Gründung und den weiteren Werdegang des Unternehmens Karl August Preibisch.

Der Name des Fabrikanten ist mit Dittersbach sehr eng verbunden. Hier einige Daten zur Entwicklung der Firma C. A. Preibisch:

Der Gründer wurde am 21. März 1819 als Sohn von Johann David Preibisch († 1850) geboren. Neben der Stamm- und Hauptfabrik in Reichenau in Sachsen, das heute als Bogatynia zu Polen gehört, unterhielt die Firma in Dittersbach bei Friedland in Böhmen eine Zweigniederlassung.

1862 trat der älteste Sohn Carl Oscar Preibisch, geboren am 3. Dezember 1842, in das Geschäft seines Vaters ein. Am 2. November heiratete er Marie Strohn aus Hamburg. Am 24. September 1909 feierte das Unternehmen das 50jährige Jubiläum seines Bestehens.

Im April 1886 wurde Oskar Preibisch zum Königlich Sächsischen Kommerzienrat und im April 1901 zum Königlich Sächsischen Geheimen Kommerzienrat ernannt. Im April 1898 wurde ihm das Ritterkreuz Erster Klasse des Albrechtsordens verliehen. Am 3. August 1906 erhielt er die Ehrenurkunde der deutschen Turnerschaft.

Der zweite Sohn von Karl August Preibisch, Karl Reinhard Preibisch, wurde am 9. Januar 1846 in Reichenau geboren. Im Februar 1874 promovierte er an der Universität Leipzig zum Doktor der Philosophie. Auch er erhielt im Mai 1890 das Ritterkreuz Erster Klasse, und im Juli 1903 wurde er zum Königlich Sächsischen Kommerzienrat ernannt. Am 11. Mai 1891 heiratete er Elisabeth Guthmann aus Marklissa, polnisch Legna, in Niederschlesien.

Der einzige Sohn Oskar Preibischs, Karl Eugen Walther Preibisch, erhielt als Nachfolger und zukünftiger Geschäftsleiter eine sorgfältige Erziehung. Alle Hoffnun-gen, welche die Familie in berechtigter Weise auf ihn als den Fortführer des Geschäfts setzte, wurden durch seinen Tod zunichte gemacht. Er starb am 30. August 1900. Sein Vater Karl Oskar Preibisch starb am 26. August 1910.

Die Unternehmensfamilie Preibisch setzte sich auch für das Wohl ihrer Arbeiter und Angestellten sowie der Gemeinde Dittersbach ein. Nach dem Tod von Karl Eugen Walther Preibisch wurde die Walther Preibisch-Stiftung ins Leben gerufen, deren Kapital 100 000 Mark betrug. Die Zinsen wurden für Unterstützung invalid geworde-ner Arbeiter verwendet, um ihnen den Lebensabend zu erleichtern. Im Jahre 1864 wurde eine Gasanstalt errichtet, die auch viele Privathauser mit Licht versorgte.

1866 wurde in Reichenau eine drei Kilometer lange Wasserleitung gebaut. Da diese nicht nur der Fabrik diente, sondern auch einem Teil der Bewohner zugute kam, genoss der Ort durch diese Versorgung mit gutem Trinkwasser große Vorteile gegenüber anderen Dörfern. Die Wasserleitung ermöglichte 1867 die Einrichtung einer Badeanstalt, die in den Monaten Mai bis September den Preibisch-Beschäftigten zur unentgeltlichen Verfügung stand und fleißig genutzt wurde.

1872 gründete Carl August Preibisch einen Kindergarten, in dem nicht nur Kinder von Arbeitern der Firma, sondern auch andere Kinder aus dem Ort Aufnahme fanden.

1876 errichtete der Firmengründer für Angestellte und Arbeiter eine Wohnkolonie. Die Wohnhauser zeichneten sich dadurch aus, dass jede Mietpartei ihren eigenen Eingang zur Wohnung und zu den Kellern hatte. Außerdem verfügte jeder Mieter über einen Garten, wodurch die Kolonie ein gefälliges Aussehen erhielt.

Im Mal 1866 wurde die Johann-David-Preibisch-Stiftung gegründet. Es war eine Versorgungsanstalt, in der 38 Personen, 16 männliche und 22 weibliche, ohne Unterschied der Konfession, des Alters und der Herkunft Unterkunft fanden. 1869 wurde die Anstalt der Öffentlichkeit übergeben.

Auf eigene Rechnung baute Carl August Preibisch ein Krankenhaus. Leider erlebte er dessen Fertigstellung nicht mehr; seine Söhne führten den Bau weiter. Der Unternehmensgründer starb am 16. September 1877.

Nach seinem Tod ging das Geschäft an seine beiden Söhne Carl Oscar Preibisch und Carl Reinhard Preibisch über. Am 16. September 1879 wurde das Krankenhaus feierlich eingeweiht.

Im Jahre 1910 errichtete die Firma in Dittersbach einen Kindergarten, der am 21. April 1910 eröffnet wurde. Besonders erwähnenswert ist, dass die beiden Brüder Carl Oscar Preibisch und Carl Reinhard Preibisch für die Gemeinde Dittersbach im Jahre 1888 einen neuen Kirchturm erbauen ließen.

1898 schenkten sie ihr zur Renovierung der Kirche 1000 Gulden und einen Kronleuchter, 1896 insgesamt 1000 Gulden als Armenfonds, 1899 als Beihilfe zum Bau einer neuen Schule 3000 Gulden und 1901 zu einer neuen Kirchturmuhr 1000 Kronen.

Im Mai 1934 wurde aus Dittersbach gemeldet, dass das große Unternehmen C.A. Preibisch, das in Vollbetrieb mehr als 700 Menschen beschäftigt hatte, stillgelegt worden sei. Die Weberei des Unternehmens lag schon längere Zeit still. Zuletzt waren noch die Färberei und die Appretur Im Betrieb. Mit dieser Stillegung geriet die ganze Gegend in eine furchtbare Krise, und die weltweite Wirtschaftskrise, die in der ČSR die deutschen Unternehmen besonders hart traf, erreichte ihren Höhepunkt. Hunderte von Familien waren wegen Arbeitslosigkeit der Not und dem Elend ausgeliefert. Jahrelang hatten bereits die Fabriken in Dörfel und Wustung geruht. Hart betroffen von der Wirtschaftskrise waren die Orte Ebersdorf, Weißbach und Haindorf. Bärnsdorf lag ebenfalls still. Das gleiche Schicksal teilten Wünschendorf, Dittersbächel bei Heinersdorf, Hermsdorf, Hohenwald, Christiansau, Göhe und ganz besonders Ebersdorf, der Grenzort neben Seidenberg.

Anfang Januar 1935 kam aus Dittersbach eine kurze Hiobsbotschaft: „Die Firma ist aufgelöst und in Liquidation getreten." 70 Jahre zuvor war sie in Dittersbach entstanden. Für Dittersbach und die Umgebung war die Schließung des Unternehmens eine Katastrophe, die Jahrzehntelangen Fleiß zunichte machte.

Nach dem Vortrag ging es zu dem im Jahr 1878 errichteten Preibisch-Kreuz in der Nahe der ehemaligen Firma Preibisch an der Hauptstraße, an dem der neu angebrachte Text aus dem Johannesevangelium (Kapitel 17) steht: „Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen."

Nach einem kurzen Gebet und der Neueinweihung des Kreuzes durch den Pfarrer Vít Audy folgte der Besuch der historischen und zum Teil leerstehenden Fabrik, in der schon lange nichts mehr produziert wird. Heute befindet sich in den alten Fertigungshallen ein Automuseum mit mehr als hundert alten Fahrzeugen.

Beendet wurde der Nachmittag mit einem gemeinsamen Besuch einer Ausstellung in zweisprachiger Gestaltung, bei der zahlreiche Dokumente und Bilder über die Geschichte der Firma Carl August Preibisch gezeigt wurden. Zum Abschluss des Tages erhielt Monika Filová von den ehemaligen deutschen Dorfbewohnern einen Lebensmittelkorb.

Ortsbetreuer Rudolf Jarisch übergab ihr einen großzügigen Geldbetrag, den die Besucher aus Deutschland für Filovas neuen Verein gespendet hatten, und bedankte sich bei ihr für ihre ehrenamtliche Tätigkeit.

Die erste Aktion des Verschönerungsvereins soll an seine frühere Bedeutung anknüpfen. Ziel des Vereins, der schon seit Januar 2016 aktiv ist, aber erst am 14. Man 2017 eingetragen wurde, ist unter anderem, zur Verschönerung des Ortes beizutragen, die Attraktivität des Ortsbildes zu fördern, alte deutsche Gräber zu pflegen und die Dorfkirche in Ordnung zu halten. Dazu werden große finanzielle Mittel eingesetzt.

Während der Veranstaltung wurden die Besucher reichlich mit Kaffee, einem umfangreichen Kuchen- und Tortenbuffet, Brötchen sowie verschiedenen kalten Platten versorgt.

Gemeinsam feiern, zusammen essen und trinken und eine gute Zelt verbringen, das alles ist an diesem Tag gut gelungen. Nach fast drei Stunden hatten die Besucher viel Geschichte erlebt und auch begriffen, dass in Dittersbach der Name der Firma Carl August Preibisch noch heute, auch wenn Ihre Zeit schon eine ganze Weile zurückliegt, ein großer und lebendiger Begriff ist.                                 

Bildnachweis:
Stanislav Beran

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