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Der Autor

Stanislav Beran ist freier Journalist und Korrespondent mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur. Nach seinem langjährigen Aufenthalt in München lebt er in Tschechien.

Als Auslandskorrespondent berichtet er aus dem Isergebirge für verschiedene Zeitungen und Onlinemedien im deutschsprachigen Raum.

Er ist Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache, Herausgeber der Friedländer Zeitung und Heimatforscher.

Auch die Website https://friedlandinbohmen.jimdo.com, auf der man Informationen zur Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Friedland in Böhmen und die vielseitige Geschichte des Landes unserer Ahnen finden kann, wurde von ihm erstellt.

Für den Blog auf Tschechien Online schreibt er seit April 2015.

Im Internet: friedlandinbohmen.jimdo.comfriedlandinbohmen.jimdo.com
Bildnachweis:
Stanislav Beran

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Der kleine vergessene Friedhof in Wünschendorf

  • Der Friedhof in Wünschendorf
  • Verfallene Leichenhalle und Friedhofskapelle

Das ist die Geschichte des kleinen vergessenen und fast nicht mehr erkennbaren Friedhofs in Wünschendorf, mittlerweile ein Ortsteil von Bärnsdorf an der Tafelfichte im früheren Kreis Friedland in Böhmen.

Wenn sich niemand um die Gräber kümmert, werden die Angehörigen angeschrieben. Diese Arbeit kann man sich bei dem alten deutschen Friedhof in Wünschendorf sparen. Schon seit Jahren gleicht die letzte Ruhestätte für die ehemaligen deutschen Bewohner von Wünschendorf eher einem Urwald als einer würdevollen Ruhestätte. Der Zustand der Gräber auf dem „Friedhof der Vergessenen“ ist katastrophal.

Viele Gräber sind kaum noch zu erkennen. Um den Zustand der Gräber unweit der heutigen polnischen Grenze kümmert sich niemand. Durch die Vertreibung der Sudetendeutschen hat sich vieles verändert. Seit Generationen wurde hier niemand mehr beerdigt.

Viele Friedhöfe sind auch Touristenmagnete. Auch dieser einmalige Friedhof „am Ende der Welt“ ist eine Seltenheit. So etwas sieht man nicht jeden Tag. Nach der Vertreibung von etwa drei Millionen Sudetendeutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien wurde auch dieser Friedhof dem Verfall preisgegeben. Mit der Vernichtung der Gräber verschwanden nicht nur die letzten Erinnerungen an die Verstorbenen und ihre Lebensgeschichten, sondern auch ein Teil der jahrhundertealten deutschen Geschichte, Kultur und Tradition.

Der Friedhof in Wünschendorf wurde 1890 auf einem von den Erben des Krämers Anton Altmann, Haus Nr. 38, den Geschwistern Eduard und Helena Altmann, geschenkten Grund im Ausmaß von 838 Quadratklaftern – etwa 3000 Quadratmeter – angelegt. Bis dahin wurden die verstorbenen Katholiken in Heinersdorf und die Anhänger der evangelischen Religion auf ihrem Friedhof in Marklissa beerdigt.

Die Leichenhalle kostete damals 789 Gulden und 85 Kreuzer, das Friedhofskreuz 204 Gulden und 53 Kreuzer, die Drai nage 154 Gulden und 51 Kreuzer, der Friedhofsbrunnen 89 Gulden und 65 Kreuzer, der Zaun 283 Gulden und 59 Kreuzer.

Zur Deckung der Kosten des Kreuzes wurde unter den Frauen eine Sammlung eingeleitet, die 197 Gulden und 60 Kreuzer ergab. Die in der Leichenhalle (Friedhofskapelle) hängende Glocke, die ein mit Zweigen geschmücktes Kreuz ziert und aus der Werkstatt des Hofglockengießers Peter Hilzer in Wiener Neustadt (Niederösterreich) stammt, kostete 127 Gulden und 87 Kreuzer.

Die Glocke wurde von der Jugend der Gemeinde Wünschendorf gespendet, die dafür zehn Gulden und 15 Kreuzer gesammelt hatte. Sie traf am 1. November 1891 in Wünschendorf ein. Für die Montage, Verpackung und Transport zahlte die Gemeinde 106 Gulden und 70 Kreuzer. Eine am 27. August 1891 von der Firma Peter Hilzer gelieferte Glocke wurde, da ihr Ton mit den beiden anderen im Ort bereits vorhandenen Glocken – der Kapellen- und Armenhausglocke – nicht harmonierte, wieder an den Glockengießer nach Wien zurückgeschickt. Der Friedhof war unterdessen bereits am 1. Juli 1890 der Gemeinde für die Benutzung übergeben worden. Die Errichtung des Friedhofes beseitigte für die Zukunft die Umständlichkeiten der bisher erfolgten Leichentransporte nach Heinersdorf beziehungsweise Marklissa. Heute sind viele Fragen offen: Wer waren die Verstorbenen? Wie sah ihr Alltag aus? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Viele Grabtafeln und Inschriften wurden zerschlagen oder beschädigt. An den wenigen übriggebliebenen Grabsteinen und Gruften sind die Namen der Verstorbenen bereits so verwittert, daß man sie nicht mehr lesen kann.

Hier eine Erinnerung an Karl Kluge, der auf dem Wünschendorfer Friedhof beerdigt wurde: „Montag nachmittag, den 10. Dezember 1930, wurde unter großer Beteiligung von nah und fern der im ganzen Bezirk und jenseits der Grenze bestbekannte und beliebte „Vater Adolf Kluge“, gewesener Musiker und evangelischer Religionslehrer, zur letzten Ruhe bestattet. Der Verstorbene war im Jahr 1852 als Sohn des evangelischen Religionslehrers Karl Kluge geboren. Eine große Zahl Kinder und Enkelkinder trauerten am Hügel des Entschlafenen, weiter zahlreiche Musikschüler und Musikkollegen, die aus der ganzen Umgebung zur Beerdigung gekommen waren, die ganze Gemeinde, vor allem die Mitglieder der evangelischen Konfession, deren langjähriger Ortsfunktionär und Religionslehrer er war.

Im Sommer 1927 verlor der nun Verstorbene Karl Kluge seine Gattin; der Erste Weltkrieg hat ihm zwei Söhne genommen. Vom 1. Oktober 1875 bis in die Nachkriegszeit erteilte er den evangelischen Religionsunterricht an der hiesigen Volksschule. Viermal war er auch Aushilfslehrer, insgesamt acht Jahre lang.

Von 1895 bis 1904 war er evangelischer Religionslehrer in Neustadt an der Tafelfichte. In Wünschendorf kamen ihm während seiner Tätigkeit sämtliche Pflichten zu, die den Lehrern der alten Zeit zustanden.

Er leitete jahrzehntelang den Begräbnischor zu evangelischen Beerdigungen. Er war auch ein aktives Mitglied mehrerer Vereine. Seine Musikkapelle genoß weiten Ruf, und sein Name wird unvergessen bleiben. Ehre seinem Andenken!“

Traditionell besuchen viele Menschen die Gräber ihre verstorbenen Verwandten zu Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November auf dem Friedhof, schmücken die Gräber mit Blumen, zünden Kerzen an und beten für sie. Aber wohin mit den Blumen, wenn die Gräber nicht mehr existieren? In diesem Fall bleibt für die Verstorbenen nur ein Gebet übrig.

Bildnachweis:
Stanislav Beran

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